Trips Welt (47)

Der Väterstammtisch ist wieder im Linksaußen zusammengekommen. Das beherrschende Thema der Männer sind diesmal die abwesenden Frauen. Trip hat alle Hände voll zu tun. Lautstark lassen sich die Väter aus, essen und trinken als würden sie zuhause nichts bekommen.
„Den Müttern heute fehlt es doch an einem echten Verständnis ihrer Rolle. Die sind so von den Medien verblendet, dass …“
„Dafür sorgen sie dafür, dass die Kleinen ja bloß kein Stückchen Kristallzucker …“
„…und dann komm ich von der Arbeit und was erwartet mich?“
Trip bekommt nur Satzfetzen mit, aber die reichen ihm auch. Er hat genug damit zu tun, den Herren Bier und belegte Brötchen zu bringen. Er überlegt, wie seine Kindheit verlaufen war. Seine Mutter war tagsüber putzen gegangen. Der Vater kam auch erst spät nach Hause. Er war ein Schlüsselkind gewesen. Schon mit acht, neun Jahren konnte er den Herd bedienen, um sich sein Mittagessen warm zu machen. Selbständigkeit war ein wesentlicher Bestandteil seiner Erziehung gewesen.
Wenn er an seine Eltern dachte, fühlte er eine dunkle Leere in sich. Ein schwarzes Loch tat sich auf, an den Rändern mit Fußballwimpeln verziert. Die selben Wimpel, die auch über seinem Bett gehangen hatten, auf die er in der Dämmerung gestarrt hatte, wenn er nicht schlafen konnte, sie bewegten sich nun sanft in der kühlen Luft, die aus der Tiefe seiner Erinnerung heraufströmte.
Gegen sieben Uhr lässt ihn Britta gehen. Wie immer drückt sie ihm noch seinen Lohn in die Hand. Sie haben kaum gesprochen an diesem Tag. Es gab keine Gelegenheit. Der Weihnachtsschmuck hat all ihre Aufmerksamkeit erfordert und er war mit den Gästen beschäftigt.
„Carmen ist wieder da“, sagt er.
„Das ist doch schön. Freut mich für dich“, meint sie.

„Carmen ist nicht da“, begrüßt ihn Paolo. Er hat seine Hausschuhe an und trinkt eines seiner Biere.
„Oh“, sagt Trip und stiert auf die Flasche in der Hand des anderen.
„Ich hatte so einen Durst“, entschuldigt der sich. „War das Letzte. Soll ich neue holen?“
„Lass mal“, sagt Trip, macht kehrt und geht ins Halunkeneck.

Um Mitternacht ist er zurück. Paolos Körper nimmt das gesamte Sofa in Anspruch. In der Glotze läuft die Nachtpatrouille. US-Cops stehen vor einem Haus und warten, dass der Böse aufgibt. Eine junge Psychologin, erkennbar an ihrer schwarz geränderten Brille und der weißen, legere geknöpften Bluse spricht durch ein Megaphon.
„Hi“, sagt Paolo und hebt müde einen Arm. Auf dem Tisch steht Trips Aquavitflasche, leer.
„War fast nichts mehr drin“, erklärt Paolo. Trip winkt ab.
„Schon in Ordnung.“ Er hat selber ganz ordentlich getankt.
„Ist Carmen immer noch nicht hier?“
„Nein. Sie hat zu tun.“
„Ach so.“
„Ja.“
„Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Früher im Haus der Eltern hat er sich Verstecke gesucht und sich vorgestellt, Einbrecher kämen und würden ihn nicht finden. Tiefe Befriedigung hat ihm das verschafft. Die fehlt ihm jetzt. Schwankend findet er seinen Weg ins Bett.

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