Trips Welt (46)

Der Weg führte gewunden weiter hinauf ins Gebirge. Sie gingen ihn langsam. Dort oben lag ein Dorf. „Freunde“, sagte Don Paco. Eine Ziegenherde kündigte die kleine Siedlung an. Die Ziegen waren mager und bewegten sich langsam über den steilen, kargen Berghang. Elende Hütten standen verlassen. Hier lag das Ende der Zivilisation. Die dünne Luft war klar und doch lag in ihr ein Geruch von Verwesung und Geburt, der für die letzten verbliebenen Bauern den geschlossenen Kreislauf von Tod und Leben bedeutete. Es gab keine Möglichkeiten mehr. Der Weg ins Tal bedeutete für sie den völligen Verlust von allem, was sie kannten und weiter oben würden sie sich im Nichts verlieren. Was ihnen blieb, war sich beim Sterben zuzusehen. Die Jungen waren längst fort und mit ihnen die Hoffnung.
In einer unnütz gewordenen Scheune fanden sie Unterschlupf, etwas Heu und eine Kerze, die ihnen ein stummer Mann hereinreichte. Im Schein der unruhigen Flamme tanzten die hölzernen Wände.
„In der Nähe gibt es eine Kapelle. Dort werde ich morgen mit diesen armen Seelen einen Gottesdienst feiern. Deshalb sind wir hier“, erklärte Don Paco mit seiner ruhigen und im Inneren der Worte doch vor Erregung zitternden Stimme.
Er packte seinen Rucksack aus, faltete ein bunt gewebtes Tuch auf den staubigen Boden und legte darauf einige Scheiben Brot. Als letztes holte er die Flasche mit dem Messwein hervor. Sie tranken einen Schluck davon. Für einen kurzen Moment breitete sich etwas Wärme aus.
Eine Frau kam herein, gebückt, mit einem Krug Wasser für die Reisenden. Paco legte ihr segnend die Hände auf den Kopf.
„Vielen Dank, Concilia“, murmelte er. „Sage bitte allen, dass ich hier bin. Sie sollen morgen alle zur Kapelle kommen.“
„Natürlich, Padre“, antwortete sie und verbeugte sich soweit es ihre krumme Haltung zuließ.
„Ihre Körper haben sich den Bergen angepasst“, sagte Don Paco, als sie wieder im Schein der Kerze und inmitten der bewegten Wände allein waren. „Sie werden mit der Zeit krumm, aber der Herr wird sie aufrichten, wenn es ihm gefällt. Die Menschen in den Städten der Welt werden das nicht erleben. Sie tragen ihre Köpfe hoch erhoben, sie stolzieren herum und schauen auf diese Leute hier herab. Sie nennen sie arm und ungebildet. Dabei sind das die Schwestern und Brüder Christi. Ihrer wird er sich als erste erinnern. Sie haben ihr Leid dann schon hinter sich.“
„Und die anderen?“, wollte sein jugendlicher Begleiter voller ernster Sorge wissen.
„Sie werden die Liebe Gottes spüren und sich schämen“, antwortete der Priester ruhig. Noch einmal nahm er einen Schluck von dem Wein, gab die Flasche diesmal aber nicht mehr weiter.
„Und diese Scham wird brennen wie Salz in einer Wunde. Auch wir beide, mein Lieber, werden dieses Brennen spüren. Es sei denn die Gnade des Herrn ermöglicht es uns in den Kreis dieser Gesegneten hier oben einzutreten. Als ihre unwürdigsten Brüder.“
„Ich verstehe, Padre“, sagte der Junge nach einer gewissen Zeit.
„Nichts verstehst du, mein Sohn. Allenfalls beginnst du zu ahnen. Ich kann den Stolz in deinen Augen sehen und die Wut. Du bist zu jung“, gab Don Paco schroff zurück. „Schlaf jetzt!“
Er blies die Kerze aus und legte sich aufs Heu. Minutenlang noch flüsterte er Gebete. Dann schliefen sie endlich ein.

 

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