Trips Welt (45)

Trips Wecker schrillt um halb Acht. Er rappelt sich hoch, beugt sich zu mir herüber und küsst mich, noch bevor ich richtig realisiert habe, wo und wer ich bin, auf den Mund. Mir wird schlecht. Der Typ riecht und schmeckt wie ein ganzes Leichenschauhaus. Ekelhaft.
„Mann, das war vielleicht eine Nacht!“, jubelt er.
„Hm“, mache ich und verschwinde so schnell ich kann ich unter der Dusche. Ich glaube, ich hatte noch nie so ein Bedürfnis danach mich zu waschen. Das Wasser rinnt meinen Körper herunter und nimmt alles mit, was nicht dahin gehört. Sogar meinen Mund spüle ich aus. Immer wieder richte ich den Strahl hinein, spucke, gurgle, spucke. Ich kann gar nicht genug davon bekommen. Es mag kommen, was will, so eine Nacht stehe ich nicht noch einmal durch. Zum Glück habe ich meine eigene Wohnung gleich um die Ecke. Ich sehne mich nach Ruhe und einer Situation, in der ich ganz einfach ich sein kann. Keine Lügen, kein Versteckspielen, keine vorgetäuschten Orgasmen. Nur mal ein paar Stunden Frieden. Das wäre schön.
Trip poltert gegen die Tür. Ich hüpfe aus der Dusche und Wickle mich in ein Handtuch ein.
„Ich muss los, Süße“, ruft er. „Die Arbeit wartet.“
Ich mache ihm auf. Wieder drückt er mir einen Kuss auf die Lippen. Er strahlt mich an. Ich versuche ein Lächeln und wende mich dem Spiegel zu, um mir die Haare zu kämmen. In mir sträubt sich alles. Dafür gibt es keinen Kamm.
Trip steht hinter mir und schaut mir zu.
„Du bist so hübsch“, sagt er.
Ich drehe mich um. Er steht nackt vor mir: blass, verklebte Frisur, sein kleiner Schwanz.
„Du auch“, hauche ich und lasse ihn stehen.

Rafael liegt noch auf dem Sofa und schläft seinen Rausch aus. Ich will die beiden endlich loswerden. Nur wie? Das Flugticket in Peters Wohnung wird den Bullen aufgefallen sein. Wahrscheinlich können sie sich keinen rechten Reim darauf machen, aber in nächster Zeit ein Auge auf Fluggäste mit Ziel Lima im Auge behalten. Ich überlege, wie Rafael sonst nach Peru kommt. Der Hafen fällt mir ein. Vielleicht gibt es ja die Möglichkeit, ihn auf einem Schiff unterzubringen. Oder ist das noch auffälliger? Keine Ahnung.
Als Trip aus dem Bad kommt, stehe ich schon fertig angezogen in der Küche und koche Kaffee. Um einem weiteren Kuss zu entgehen, widme ich mich voller Hingabe der Zubereitung des Frühstücks.
„Ich wusste gar nicht, dass du so eine begeisterte Hausfrau bist“, meint er und nimmt sich ein Stück Wurst vom Teller.
„Ja, ich stecke voller Überraschungen“, sage ich. Auf dem Flur höre ich Rafael wie er sich in unsere Richtung schleppt.
„Morgen“, grummelt er. Dann ist er wieder verschwunden. Auch er geht duschen.
Zehn Minuten später ist Trip aus dem Haus. Ich atme durch, genieße meinen Kaffee und ein Nutella-Knäckebrot. Ein sonniger Wintertag steht vor dem Fenster. Meine Laune bessert sich. Rafael gesellt sich, nur ein weißes Tuch um die Hüften gewickelt, zu mir. Hätte ich nicht eine derart schlimme Nacht hinter mir, würde ich ihn jetzt wohl aufs Bett ziehen. So aber bin ich froh, dass er Kopfschmerzen und somit wenig Interesse an Sex hat. Wir schauen uns etwas ratlos an. Ich schenke ihm ein. Er trinkt gierig. Seine braunen Augen funkeln im morgendlichen Licht. Die Eifersucht scheint er vergessen oder sehr gut im Griff zu haben. Er fragt nicht einmal, legt mir nur in einer ungewohnt zärtlichen Geste eine Hand auf meinen Unterarm, als wollte er mich trösten. In diesem Moment fühle ich mich ihm sehr verbunden. Das Gefühl, dass wir alles schaffen und zu einem guten Ende führen bemächtigt sich meiner.
„Kommst du heute alleine klar?“, frage ich ihn. „Ich brauche mal etwas Auszeit.“ Er zieht seine Hand zurück. Ich war wohl etwas zu voreilig, habe die Harmonie unnötig schnell gestört.
„Sag Trip einfach, ich hätte was zu erledigen. Ja? Er wird nicht weiter fragen.“
Er nickt.

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