Trips Welt (36)

Ein starker Herbstwind treibt gelbe Blätter die Fassaden der Häuser hinauf. Trübe scheint ein schmaler Mond. Es fröstelt Trip. Er knöpft seinen Mantel zu und schlingt die Arme um seinen Körper. Er ist froh, den Eingang seines Hauses erreicht zu haben. Die Tür fällt ins Schloss, er drückt auf den Schalter für das Minutenlicht. Ohne Eile nimmt er die Stufen bis zu seiner Wohnung. Er denkt an Britta, an die warme Britta, bei der es immer zu essen und zu trinken gibt.
Gerade mal zwei Tage ist es her, dass sie auf dem steinernen Boden des Linksaußen gevögelt haben und doch kommt ihm die Szene vor wie aus einem Traum, der längt geträumt ist und schon fast vergessen. Es enttäuscht ihn, dass er sich nur an wenige Details erinnern kann. Nur eine Ahnung ist ihm geblieben. Die Schwere ihrer Brüste, die sanfte Bewegung ihrer Beine, ihr Atem in seinem Atem und über allem steht: „Das war sehr, sehr gut.“
Er fingert mach dem Schlüsselbund in seiner Hosentasche, sperrt auf und kommt nach Hause. Der Kühlschrank summt und ein rotes Lämpchen am Anrufbeantworter blinkt. Er drückt auf einen Knopf. Nach einem Piepsen Carmens Stimme wie aus weiter Ferne. Die Kälte, die er von draußen mit herein gebracht hat, lässt ihn schaudern. Während Carmens Ansage läuft, streift er seinen Mantel ab und schmeißt ihn in Richtung Tür. Er hört zu und doch achtet er nicht mehr auf jedes Wort. Vielmehr filtert er das Gesagte nach Informationen. Wer, was, wann, wie, wo? Paolo soll bei ihm in ein paar Tagen unterkommen. Das identifiziert er als die wesentliche Aussage. Die Liebesschwüre und all das prallen daran ab. Er hört sie etwas von Vermissen sagen, aber es dringt nicht in ihn ein. „Zum Glück war ich nicht hier und der AB ist rangegangen“, denkt er.

Auf dem Sofa sitzend kreisen seine Überlegungen. Er findet keinen Anfang und kein Ende. Ob er einmal ein offenes Wort mit Peters sprechen sollte? Ihm scheint, als wüsste der die Antwort auf all seine Fragen. Aber da ist dieses Unbehagen in der Nähe des Doktors, dessen Überheblichkeit, die ihm das Gefühl vermittelt, er wäre nur ein kleines Rädchen irgendeiner monströsen Maschinerie.

Obwohl ihn die ganze Grübelei müde gemacht hat, geht er noch mal ins Freie. Es ist noch kälter geworden, aber er muss sich ablenken. Seine staksigen, durchfrorenen Beine finden wie von allein den Weg zum Halunkeneck.
Außer Anton ist nur Renate da. Die schaut mit starren Augen aus dem Fenster. Ihr Blick in die klamme Schwärze der Nacht geht tief. Trip setzt sich zu ihr.
„Abend, Renate.“
„Abend, Trip.“
„Auch noch unterwegs?“
„Hm.“
Pause. Ihm fällt nichts weiter ein, als nach Timm zu fragen. Renate winkt traurig ab.
„Schlechtes Thema?“
„Hm.“
Sie nehmen beide einen Schluck Bier und schweigen. Anton kommt mit zwei Schnäpsen.
„Geht aufs Haus“, murmelt er. „Wenn sonst schon nichts geht.“
Renate und Trip lachen und trinken. Der Hartalk tut gut. Ihre Gesichter bekommen Farbe. Renate fängt zu erzählen an und er hört ihr gern zu. Andere haben auch Sorgen und meisten davon sind viel schlimmer als seine.

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