Trips Welt (34)

Ich freue mich, dass mir endlich mal wieder die Luft einer Großstadt um die Nase weht. Der Frust der vergangenen Tage fällt von mir ab. Fast ein wenig euphorisiert fühle ich mich, als wir durch den prächtigen Hauptbahnhof gehen.
Gleich in der Nähe finden wir das Touristen-Büro. Ich frage nach einem kleinen Hotel in der Nähe. Die smarte Lady schaut in ihrem Computer nach und drei Minuten später haben wir unser Zimmer. Zwei Stationen mit dem Bus und wir sind da.
Das Hotel selbst und die Gebäude der näheren Umgebung sind aufgehübschte Relikte realsozialistischer Architektur. Wenn in einigen Jahren die gelbe Farbe abblättert, wird es hier wieder so aussehen wie früher. Rafael schaut enttäuscht drein. Hatte ihn das Bahnhofsgebäude in all seiner Gründerzeitpracht noch in dem Glauben bestärkt, in das Land seines  Großvaters zu kommen, so scheint er angesichts unserer neuen Herberge auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren.

Nach dem Einchecken werfen wir unser Gepäck in das Zimmer, das mich an eine moderne Form von Jugendherberge denken lässt. Sogar der Geruch nach billigen Gebrauchsmöbeln und Reinigungsmitteln ist ähnlich. Ich bin damit aufgewachsen. Die jährliche Jugendfreizeit war für mich im Sommer Pflicht. Zeit für meine Eltern, es mal wieder so richtig krachen zu lassen. Schnell fliehen wir wieder ins Freie.
Von einem Callshop aus rufe ich Trip an. Es geht nur der AB ran und ich bin erleichtert, nicht mit ihm persönlich sprechen zu müssen. Mit warmer Stimme hinterlasse ich ihm die Nachricht, dass wir noch einen Abstecher nach Ostdeutschland gemacht haben und er in den nächsten Tagen („diesmal wirklich, mein  Schatz, versprochen“) mit uns rechnen kann. Er solle sich mal überlegen, ob Paolo nicht für einige Nächte bei ihm unterkommen kann.
„Das wäre wirklich furchtbar süß von dir. Ich zähle die Stunden. Schmatz, Liebster.“ Ich lege auf, drehe mich zu Rafael um und küsse ihn auf den Mund. Er fasst mir an den Po und zieht mich an sich. Seine Zunge drängt in meinen Mund.

Dann habe ich Lust auf etwas Süßes. Wir müssen nicht lange suchen. Direkt neben der Frauenkirche finden wir ein niedliches Cafe, dessen altbackene Atmosphäre auch meinem nach Nostalgie lechzenden Begleiter zusagt. Natürlich bestellen wir Eierschecke.
„Das hat dein Opa früher sicher auch gern gegessen“, sage ich.
„Schmeckt ja auch lecker“, meint Rafael und macht gleich darauf ein nachdenkliches Gesicht. „Ich kann es gar nicht glauben, jetzt hier mit dir zu sitzen. Abgefahren! Wenn mir das jemand vor ein paar Jahren erzählt hätte! Da bin ich nach Deutschland gekommen, um zu lernen und damit meinem Land zu helfen, sich von den Fesseln der Unterdrückung zu befreien und dann hocke ich hier mit einer Blondine und esse Kuchen.“
„Entspann dich“, rate ich ihm. „Zur Revolution gehört auch der Genuss oder nicht?“
Er schaut mich streng an. Ich befürchte mir gleich eine Predigt über die Ernsthaftigkeit seiner Mission und das Leiden seines Volkes anhören zu müssen. Dann besinnt er sich aber und lächelt mich charmant an.
„Ja, vielleicht hast du recht. Wir sollten diesen Moment genießen.“
Ich winke dem Kellner und bestelle uns noch eine Portion Süßkram und dazu zwei Sherry.

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