Trips Welt (33)

Der Morgen dämmert endlich. Ich liege schon ewig wach und warte darauf, dass der Tag beginnt und ich aufstehen kann. Mein Inneres zuckt nervös herum. Die Turmuhr schlägt sieben Mal. Ich stoße den Körper neben mir an, befehle ihm aufzuwachen.
Rafael fährt hoch, schaut sich um, lächelt mich an und streckt sich genüsslich.
„So gut habe ich schon lange nicht mehr geschlafen“, sagt er und springt aus dem Bett. Kurz darauf geht im Bad die Dusche an. Er singt ein Lied auf Spanisch. Ich könnte weinen.
Nach ein paar Minuten steht er nackt im Zimmer und trocknet sich die Haare. Sein elastischer Körper vollzieht die Bewegungen mit unglaublicher Eleganz und – ein seltsames Wort, das mir dazu einfällt – Würde. Ich finde ihn verdammt scharf. Er weiß das und präsentiert sich entsprechend.
„Scheißkerl“, lache ich und ziehe ihn zu mir. Er nimmt mich völlig ungehemmt. Meine Gedanken lösen sich auf und auch der bittere Geschmack der Nacht. Zusammen treiben wir durch einen Äther der Lust. Ich kralle mich an ihm fest. Er fickt mich immer schneller. Ich weiß, dass ich kommen kann, aber ich warte noch auf ihn. Da ist er. Sein Oberkörper biegt sich nach hinten. Wir stöhnen beide auf. Meine Finger fahren tief in seinen Rücken. Dann fallen wir erschöpft in die Kissen und halten uns, für einen kurzen Moment schwebend. Für solche Momente lebe ich.

„Du bist eine außergewöhnliche Frau. In einer gerechteren Welt würden wir uns sicher für immer lieben können“, gesteht mir Rafael beim Frühstück. „Aber ich habe geschworen, nicht nach meinem Glück zu suchen, sondern nach dem Glück für mein Volk. Solange es noch Kinder gibt, die weinen müssen, weil sie hungern und ihre Eltern durch Krankheiten verlieren, solange gehört mein Herz ihnen und nicht mir. Ich habe es bereits verschenkt, verstehst du?“
Ja,  ich verstehe ihn, auch wenn mich seine schwülstige Rhetorik in diesem Zusammenhang noch nie besonders beeindrucken konnte. Er ist so eine Art Priester der Gerechtigkeit. Er verzichtet auf die Ehe, um frei für seine Aufgabe zu bleiben. Auf Sex verzichtet er allerdings nicht. Wäre auch zu schade.
„Hast du Pläne?“, will ich wissen.
„Natürlich“, gibt er mit fester Stimme zurück. Er vergewissert sich, dass wir allein in dem Speisezimmer sind. „Hör zu! Ich denke, wir sind die Bullen losgeworden. Mein Gefühl sagt mir, dass wir sicher sind.“
Ich schaue ihn erstaunt an, ziehe eine Augenbraue hoch, um ihm meine Überraschung zu signalisieren.
„Aha“, sage ich. „Das ist ja fein. Und jetzt können wir dich zu Peters bringen?“
„Psst“, macht er. „Keine Namen, bitte! Das weißt du doch“, tadelt er mich streng.
„Sorry.“
„Schon in Ordnung. Denk einfach dran!“ Dann erläutert er mir seine Reiseroute für die nächsten Tage.

Um halb Elf geht der Bus nach Hof. Von dort nehmen wir den Zug nach Dresden. Ein kleiner sentimentaler Abstecher sozusagen. Rafaels Großvater mütterlicherseits stammte aus Sachsen. In Peru war er beruflich damit gescheitert, Schwippbögen, kindsgroße Nussknacker und hölzerne Erzgebirgsdörfer populär zu machen. Geblieben ist er trotzdem und hat eine Frau aus dem Volk geheiratet. Eine der vier Töchter, die aus dieser Beziehung hervorgingen, war Rafaels Mutter, die umgeben von sächsischem Weihnachtskitsch in einem ärmlichen Zuhause aufwuchs. Für ihren Sohn stammten der alte Mann und seine Holzwerkstatt aus einem anderen Universum. Als sein Großvater starb und die Erbschaft in Form von Häuschen, Kirchen, Bäumen und traditionellen Krippenfiguren im Seiffener Stil aufgeteilt wurde, bekam der Enkel einen Teil davon zum Spielen. Den Rest nutzten die Schwestern nach und nach zum Anzünden ihrer Öfen.
Rafael bringt also eine ziemlich eigenwillige Vorstellung von unserem nächsten Reiseziel mit. Am Nachmittag rollt unser Zug durch die Vororte nach Dresden hinein.

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