Trips Welt (27)

Paolo fährt neben mir hoch und schreit. Es muss so gegen drei Uhr sein. Ich nehme ihn in den Arm. Sein Nacken ist verschwitzt, die dunklen Locken seiner Haare feucht. „Schlimmer Traum. Überall Faschisten“, murmelt er, macht es sich auf meiner rechten Brust bequem und schläft wieder ein.
Eine Welle der Verbundenheit durchläuft mich. Ich bin sehr froh, auf der richtigen Seite zu stehen, auch wenn der eigentliche Kampf längst geschlagen ist. Was kann ich dafür, dass ich etwas zu spät dran bin?
Rafaels rechte Hand sucht die noch nicht belegte Brust, findet sie und hält sich daran fest. So umschlungen, falle ich auch wieder zurück in den Schlaf.

Der nächste Morgen ist trübe. Das fahle, mittelmäßige Licht eines neuen Tages im nördlichen Hessen fällt durch Scheiben, die lange nicht mehr geputzt wurden. Ich muss mich nach dem Aufwachen kurz orientieren. Auf dem Nachtisch steht ein Pappschild mit Tipps zur Bedienung des Fernsehers und des Telefons. Der Text endet mit „Wir wollen, dass Sie sich bei uns wohlfühlen! Ihr Team Hotel Wilhelms Rast“. Ich muss schmunzeln. Spätestens bei dem Ausrufezeichen nach „wohlfühlen“ muss dem letzten klar werden, dass er sich in Deutschland befindet. Da wird aus jedem Wunsch ein Befehl und aus jeder Aussage eine Direktive.
Rafael schläft noch. Ich drehe mich zu ihm um und umfasse seinen starken Oberkörper. Sein Po fügt sich passgenau in die Mulde zwischen meinen Schenkeln. Ich bin erstaunt, wie vertraut sich das schon anfühlt. Auch sein Geruch erinnert mich an alte Zeiten, die wir nie hatten. Wirklich seltsam.
Wieder schreckt er hoch. Panisch macht er sich von mir frei und richtet sich auf. Er schaut sich um und atmet dann durch. Sein Lächeln. Er fühlt sich bei mir sicher. Solange nur ich da bin, scheint alles gut zu sein. Er schiebt mein Hemdchen hoch.

Natürlich ist meine Unterhose über Nacht nicht trocken geworden. Also ziehe ich meine Jeans über meinen nackten Hintern. Paolo liegt noch im Bett und schaut mir dabei zu. Ich ziehe den Reißverschluss hoch.
„Hast du Pläne für heute?“, frage ich ihn.
„Erstmal frühstücken“, meint er. „Ich kann einen Kaffee vertragen.“
„Ich auch“, stimme ich zu und ziehe mir mein Shirt über den Kopf. „Auch wenn die hier wahrscheinlich nur so eine graue Brühe ausschenken.“

Der Speisesaal ist menschenleer, als wir ihn betreten, obwohl es beste Frühstückszeit ist. Das macht mich stutzig. Auch Paolo scheint irritiert. Wir setzen uns an einen Tisch in der Nähe der Tür. Ein weißgekleidetes Mädchen kommt herein. Ihr „Guten Morgen“ klingt nach russischer Steppe, mehr gehaucht als gesprochen. Bevor sie fragen kann, antworte ich schon mit „Kaffee, bitte“. Sie nickt und holt uns eine Kanne. Dann gehen wir zum Büffet. Gar nicht übel.
„Wenigstens das Essen ist o.k.“, bringe ich hervor, während ich an einem Brötchenstück kaue.
„Und der Kaffee besser als gedacht“, setzt Paolo dazu. „Wollen wir uns heute nicht die Stadt ansehen, mein Schatz? Ich habe gehört, dass Kassel sehr reizvoll sein soll. Besonders die Häuser und Parks sollen wunderschön sein.“ Er spielt die Rolle des harmlosen Touristen und übertreibt dabei etwas. Hoffentlich fällt das nicht auf. Ich gehe, so gut ich kann, darauf ein: „Gern, Süßer. Ich wollte mir Kassel schon immer einmal in Ruhe ansehen. Man hört ja ständig so viel darüber. Schön, dass wir endlich die Zeit dafür gefunden haben, hierher zu kommen.“ Ich fasse über den Tisch und streichle zärtlich über seine starke Hand. Viel lieber als den Touristen zu spielen, würde ich heute mit ihm im Bett bleiben. Unser kleiner Morgenfick war zwar nicht verkehrt, ich habe aber noch Lust auf mehr. Trotzdem finde ich mich mit dem offiziellen Besuchsprogramm ab. Ein bisschen Bildung wird mir auch nicht schaden. Außerdem müssen wir uns dringend neue Klamotten und Taschen besorgen. Reisende ohne Gepäck werden seit jeher schnell zum Inhalt von Gerüchten.

Wir machen uns nach dem Frühstück also gleich auf, um unsere Tarnung zu perfektionieren. Unterwegs in die Innenstadt, teilt mir Rafael mit, dass er gedenkt, noch ein, zwei Tage hier zu bleiben, um dann weiterzusehen. Ich beginne zu ahnen, dass wir erst am Anfang unserer Reise stehen.

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