Trips Welt (18)

Reste des morgendlichen Nebels hingen schleierartig jenseits des Feldes, am Horizont, dort, wo die Sonne sich gerade vom Boden erhob. Seidenes, japanisches Licht schuf den Himmel neu und die reine Luft der Frühe umspülte die Welt und alles, was darinnen war.
Von weiter unten, von den Hängen drang das zarte Gebimmel von Glöckchen an den Hälsen der vielen Ziegen und Schafe. Hin und wieder hörte man, als Versprechen nicht allein zu sein, den gerufenen Befehl eines Schäfers an seine Hunde.
Kurz darauf fuhren im Tal primitive Mähdrescher durch spärlich bestandene Felder und brachten die Ernte ein. Die Zeit dafür war reif.
Es war alles eins: die Frische in den Lungenflügeln, die weitgespannten Wolken, der schnelle Blick der Tiere, das Rauschen einer Seele, der Geruch der frühen Wälder, die Bedrohung, die aus den Städten und von jenseits der Berge kam.
Diese Bedrohung war schwer zu fassen. Man konnte ihr nur schwer begegnen und das macht die Sache so kompliziert. Denn eigentlich handelte es sich um eine ganze Anzahl von verschiedenen Bedrohungen. Diese vermittelten allerdings den Eindruck, als stünde hinter ihren mannigfaltigen Erscheinungsformen ein einziges, bösartiges Prinzip. Massen von billigem Alkohol, Massenarmut, die Unaufgeklärtheit der breiten Massen, Massenmedien, Massenkonsum, Massentierhaltung das alles war unter dem richtigen Blickwinkel betrachtet zu einem einzigen, riesigen Gewebe verstrickt, das den Menschen zu erdrücken drohte.
Dort oben, in der Kühle des Morgens war davon freilich wenig zu spüren. Dort war das Böse nur ein Gedanke, eine Abstraktion, während die Natur reell war. Sie war ganz da und niemand konnte sich vorstellen, dass es jemals anders sein könnte. Gerade das machte den Feind aber so gefährlich. Sah man ihm nicht direkt in die Augen, verschwand er auf eine mysteriöse Weise und es blieben die Verheißungen einer funktionierenden Wirtschaft zurück.
Doch es gab kein Brot für alle. Es gab keine Arbeit für alle. Es gab keine Gesundheit für alle und schon gar nicht gab es Freiheit für alle. Es gab sündhaften Überfluss für wenige. Es gab Schönheitsfarmen und Wellnessoasen, 65 Stunden Wochen für Manager.
Und es gab 65 Stunden Wochen für Näherinnen. Das war der Überfluss, der den vielen blieb. Es war ein Überfluss an Angst, Sorgen und Plackerei.
Der Feind lauerte überall. Er führte Banken, saß in Parlamenten und gründete Medienunternehmen. Er fuhr BMW, rauchte oder rauchte nicht und er schickte seine Kinder auf Internate in England und der Schweiz, wo sie nach seinem Ebenbild zu seelischen Krüppeln geformt wurden. Das Schlimmste aber war, dass der Feind tatsächlich überall lauerte. Er hatte es sich im Laufe vieler Jahrhunderte in den Köpfen und Seelen aller bequem gemacht. Die Frage war nun also, bekämpfte man zuerst den Feind im Inneren oder musste man sich vorrangig gegen den Feind da draußen wenden. Half es, dem Elend der Städte durch Flucht auf einen Berg zu entkommen oder sollte man vielmehr bleiben und die Zustände ändern?
Alles war eins und die Sonne zog ihre unaufhaltsame Bahn hinauf in die Höhen des Firmaments.

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