Trips Welt (16)

Rafael liegt den ganzen Tag auf dem Sofa, schaut irgendwelche schwachsinnigen spanischen Telenovelas, raucht und isst nichts anderes als Thunfisch. Dose um Dose. Ich kann das Zeug nicht mehr riechen. Sogar sein Sperma schmeckt schon danach.
Gestern habe ich zu ihm gesagt, dass es langsam auffällig wird, wenn ich im Supermarkt ständig solche Massen an Thunfisch kaufe. Die Tante an der Kasse lächelt mich deswegen schon blöd an. Wegen seiner Essgewohnheiten aufzufliegen könnten wir wirklich nicht gebrauchen, habe ich gesagt. Ich solle dann eben etwas für ihn kochen, hat er vorgeschlagen. Aber bloß keine deutsche Pampe. Die würde er nämlich nicht vertragen. „Wie wärs mit Thunfisch?“, habe ich gefragt und ihm den Finger gezeigt. Langsam geht er mir auf die Nerven. Seit drei Wochen sitzen wir jetzt hier schon zusammen. Er darf nicht auf die Straße und ich muss ihn versorgen. Toller Plan! Gut nur, dass wir das Haus meiner Eltern als Versteck haben. Das macht die Sache deutlich angenehmer: Pool im Garten, den neuesten Stand der Unterhaltungselektronik, eine prallst gefüllt Bar, gute Betten.
Die Besitzer dieser Luxushütte machen gerade ihren jährlichen Alkoholentzug in Nepal. Einen Monat clean und dafür elf Monate Party. Auch so eine hervorragende Idee. In acht Tagen stehen die hier auf der Matte. Bis dahin sind wir sicher. Die Nachbarn glauben, dass ich auf das Haus aufpasse, während meine Alten weg sind. Klar: Carmen im Auftrag des bürgerlichen Sicherheitsbedürfnisses, stets zu Diensten, Sir. Wenn die wüssten!

Nächste Woche schaffe ich Rafael über Umwege zu Peters. Soll der Doc dann sehen, wie er klar kommt. Ich habe die Mitfahrgelegenheit für die erste Etappe schon klargemacht. In sechs Tagen geht’s los und keinen Tag früher. Bis dahin halte ich mir hier meinen schönen Latino-Lover und versuche mich an den Geruch von Thunfisch zu gewöhnen. Morgen könnte ich ein Raumspray vom Einkaufen mitbringen.

„Hast du Lust auf Sauna?“, frage ich meinen Fischfreund.
„No, no, aber auf dich“, brummt es vom Sofa zurück.
„Na gut, aber nicht wieder in der Küche, ja?“

Manchmal muss ich an den armen Trip denken. Männer können ja so naiv sein. Oder liegt es daran, dass viele von denen sexuell und emotional so ausgehungert sind. Keine Ahnung. Bei ihm jedenfalls musste ich nur mal kurz anpicksen und schon lag er mir zu Füßen. Ich glaube, der ist richtig verliebt. Das ist echt rührend. Fast könnte ich Mitleid haben. In ein paar Wochen wird er schrecklich Liebeskummer haben und sich fragen, was er alles falsch gemacht hat. Hoffentlich haut ihn das dann nicht allzu sehr aus der Bahn.
Was mich ärgert ist, dass ich ihm das Buch da gelassen habe. Das war wirklich dumm, aber hat so gefleht, dass ich ihm irgendetwas von mir gebe. Hoffentlich wird da mal keine Spur daraus! Naja, die Chancen stehen trotzdem noch gut für uns.
Der Sex mit ihm war ein Witz. Nicht gerade unangenehm, aber unfassbar langweilig. So etwas habe ich bisher noch nicht erlebt. Wie kann man nur so ungeschickt sein. Hat der keine Nerven im Schwanz? Da ist Rafael schon von einem anderen Kaliber: zwanzig Zentimeter pure Erfahrung. Aber auch ihn werde ja bald ziehen lassen. Wer weiß, vielleicht ist danach mal wieder Zeit für etwas Ernsthaftes. Wir werden sehen. Jetzt muss ich ihn erstmal aufliefern und Peters noch ein wenig helfen. „Das Rad muss weiterrollen und im Moment bist du der Motor“, hat Ignacio zu mir gesagt.
Ja, ohne mich geht gerade wenig. Die ganzen Jungs sind von mir abhängig. Wenn ich ihr Spiel nicht mehr mitspiele, weinen die einen und die anderen können sich von ihren politischen Träumen erst einmal verabschieden. „Die schärfste Waffe der Macht ist Wissen“. Noch so eine Weisheit von Ignacio. Und um dieses Wissen zu bekommen, hat Rafael Deutsch gelernt, studiert und ein Jahr bei der ME-Tech gearbeitet.
Keine Ahnung, ob das alles wirklich etwas gebracht hat. Er spricht ja nicht darüber. Zumindest aber sind wir gemeinsam der Meinung, dass ich die schärfste Waffe der Macht bin. Scheiß aufs Wissen.

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