Trips Welt (15)

Nach dem Besuch bei Peters ist er sich nicht mehr sicher, ob die Sache mit Carmen wirklich das Richtige für ihn ist. Er trottet über die Gehwegplatten. Seine Stimmung ist mies, weil er dieses merkwürdige, heimlichtuerische Gehabe überhaupt nicht gebrauchen kann. Er will nur seine Ruhe. Stattdessen fühlt er sich in eine Geschichte verstrickt, in der andere die Fäden ziehen und er keine Ahnung hat, wohin ihn das führt. Dabei könnte er im Moment so schön sein Leben in die Hand nehmen.
Er biegt in seine Straße ein. Gleich ist er im Linksaußen. Da begegnet ihm ein Penner, der ihn anschnorrt. Die Hand, die sich ihm entgegenstreckt, ist schorfig und rot. Der Typ stinkt. Trip hat ihn schon ein paar Mal gesehen. Wegen seiner eigenen Geldknappheit kam er aber nie in Verlegenheit. Jetzt ist das ein wenig anders. Er weiß, dass er ein paar Münzen in der Hosentasche hat. Trotzdem hebt er entschuldigend die Arme und geht weiter. Ein Satz aus Carmens Buch kommt ihm in den Sinn: „Geld macht kalt und alle Räume, Apparate und Machtverhältnisse, die dem Gelderwerb dienen, sind wie Gefriertruhen.“ So oder so ähnlich, ganz genau kann er sich nicht mehr erinnern. Er erschrickt über sich selbst. Carmen ist tatsächlich anders. Sie hätte mit dem Penner wenigstens kurz gesprochen, wäre nicht einfach weitergegangen. Sie macht keine Unterschiede, zumindest keine, die durch die Menge des verfügbaren Einkommens definiert werden. Auf jeden Fall hat er es noch nicht anders bei ihr beobachten können. Ein, zwei Mal hat ihn das sogar genervt, weil sie ihre Aufmerksamkeit von ihm plötzlich abgezogen und sie Wildfremden geschenkt hat. Er stand dann minutenlang daneben und kam sich vor wie auf einem Abstellgleis. Erst jetzt kommt ihm die Idee, dass er sich vielleicht auch hätte einbringen können. Aber war das nicht zu viel von sich selbst verlangt?
Britta wartet schon. „Musste noch dringend etwas erledigen“, sagt er entschuldigend.
„Gib mir doch bitte das nächste Mal rechtzeitig Bescheid, wenn du später kommst“, gibt sie barsch zurück. Er merkt, dass er sich an die Bedingungen einer geregelten Arbeit erst noch gewöhnen muss. Ist schon zu lange her, dass er Tugenden wie Pünktlichkeit und Ordnung beachten musste.
„Aber hallo erst mal“. Jetzt lacht sie wieder freundlich. Dennoch sieht ihr Trip an, dass es ihr immer noch nicht gut geht. Ihr Gesicht schaut grau aus, ihre Bewegungen wirken verzögert. Er ahnt, dass sie gestern Abend Susi zur Rede gestellt hat und das nicht ganz einfach verlief. Sie muss sich heute dazu zwingen, ihre Arbeit einigermaßen korrekt über die Bühne zu bringen. Und dann erscheint er auch noch zu spät. Er kommt sich wie ein gefühlloser Idiot vor. Von seinen morgendlichen Wichsfantasien ganz zu schweigen. „Tut mir echt leid, wirklich,“ sagt er. Zum Glück weiß Britta nicht, dass er sich damit nicht nur für sein Zuspätkommen entschuldigen möchte.
Seine Schicht im Cafe bietet ihm die Chance, Dinge zu tun, die eindeutig sind. Hier geht es nicht um komplizierte moralische Fragen. Er dreht sich alles nur darum, ein paar Handgriffe richtig zu erledigen, die Gäste zufrieden zustellen und Geld einzunehmen. Wenigstens heute bekommt er das mühelos hin. Im Lauf des Tages scheint auch Britta von diesem Geist erfasst zu werden. Sie wird immer lockerer, scheint die Gespenster der vergangenen Nacht hinter sich lassen zu können. Er möchte sie auch nicht daran erinnern und verkneift sich, sie danach zu fragen, obwohl es ihn schon interessiert.

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