Trips Welt (13)

Kurz darauf fängt sie sich, wischt sich das Gesicht ab und scheint wieder Herrin der Situation zu sein. Wenigstens meint Trip das erkennen zu können. Sie öffnen das Cafe für Gäste. Heute übernimmt er den Service und Britta die Küche. Sie tut ihm leid. „Ich weiß schon, warum ich keine Kinder habe“, fällt ihm noch dazu ein.

Der Tag plätschert vor sich hin. Kunden kommen und gehen. Er schäumt Milch, streut Kakao, füllt Zuckerspender auf, kassiert und versucht nebenbei noch bei Britta für gute Laune zu sorgen. Er hat den Eindruck, dass sie das zu schätzen weiß.
Irgendwann erinnert er sich wieder an seinen Auftrag und beschließt, das Ganze auf den nächsten Tag zu verschieben. „Läuft ja nicht davon“, sagt er sich. Stattdessen will er sich mit Timm zu verabreden. Er hat ein ungutes Gefühl, wenn er an den alten Kumpel denkt. Das muss aus der Welt. Vom Telefon am Tresen aus ruft er ihn auf dem Handy an. Timm geht gleich ran: „Na Alter, womit kann ich dienen?“

Als Britta und er das Linksaußen am Abend dicht gemacht haben, drückt er sie kurz, bevor sie verschwindet. Dann wartet er vor der Tür auf Timm. Es ist schon dunkel und die Straße ist merkwürdig menschenleer. Eine eigenartige Stille liegt über der Stadt, fast schon weihnachtlich. Dabei ist es gerade Ende September und der Sommer noch nicht lange vorbei. Wenn er möchte, kann er sich an die warmen Sonnenstrahlen auf seiner Haut und Carmen zärtliche Hände erinnern. Sie lagen im Park auf der Wiese und um sie herum war das Gesumme der Insekten und das fröhliche Kreischen der Kinder. Zwischen ihnen lag nichts: kein Abstand, kein Müssen, nur Sein.
Timm kommt und befindet sich in einer nachdenklichen Stimmung. Trip zögert deswegen ihn mit seinem ernsten Anliegen zu konfrontieren. Im Halunkeneck angekommen bestellen sie sich bei Anton zwei Bier. Auch der Wirt wirkt etwas bedrückt.
„Komischer Tag heute“, fängt Trip an.
„Hm“, macht Timm und nimmt einen Schluck. Seine lichten Haare stehen ihm wirr vom Kopf ab. „Mann, ich glaube echt, ich bekomme eine Depression.“
„Wieso das denn?“
„Hast du dir schon mal ernsthaft die Frage gestellt, was aus dir geworden ist? Ich schon. Früher habe ich immer gedacht, dass aus mir mal ein wirklich dufter Mensch wird. Felsenfest überzeugt war ich davon. Cool wollte ich sein und klug und gut. Jetzt habe ich den Eindruck, als wäre ich der größte Depp der Welt geworden. Und noch viel schlimmer: als könnte ich daran nichts mehr ändern. Es muss da so was wie eine Linie gegeben haben, die ich unbemerkt überschritten habe. Davor und danach, verstehst Du? Davor war alles prima und offen und danach gibt es nur noch eine Starre. Ich kann noch zuschauen, mich aber nicht mehr bewegen. Alles bleibt gleich, obwohl ich genau weiß, was eigentlich zu tun ist. Nur kann ich mich nicht mehr rühren. Mir bleibt nur, zuzuschauen. Das drückt echt auf meine Laune, Alter.“
„Verstehe.“ Auch Trip kennt dieses Gefühl, alles falsch gemacht zu haben. „Vergeht wieder“, sagt er. „Prost.“ Er denkt an Britta und ihr Problem mit Susi. Das ist was Handfestes, nicht so ein Psycho-Lala.
Sie stoßen ihre Flaschen gegeneinander und trinken. „Stimmt wahrscheinlich. Vergiss es“, meint Timm scheinbar beruhigt. „Was wolltest du eigentlich von mir?“
“Ach, nicht so wichtig. Wir sollten uns einfach wieder öfter treffen. Wir kennen uns so lange und es wäre schade, wenn wir das verlieren würden. Oder?“
Timm nickt nachdenklich: „Stimmt schon. Wenigstens die Vergangenheit kann uns niemand nehmen.“ Seine blauen Augen schauen Trip dankbar an und beide müssen lächeln. Der Rest des Abends wird bestimmt von Nachbarschaftsgerede und Erinnerungen an bessere, gemeinsame Tage. Timm erfährt von Brittas Trennung. Die Sache mit Susi verschweigt Trip lieber. Nicht in allen Punkten vertraut er seinem alten Kumpel. Vor allem beim Thema Sex hält er sich bei ihm lieber zurück. Da hat der einen Schwachpunkt und immer wieder Ärger mit Frauen, deren Kerlen oder irgendwelchen Zuhältern. Besser er erfährt nichts von Susis Schmuddelbildern.

Später im Bett merkt Trip, wie sehr in die Vorstellung davon beschäftigt. Obwohl er es nicht will, malt er sich aus, wie die Kleine wohl nackt aussieht, stellt sich ihre Posen vor, das Sperma auf ihrem Körper. Er bekommt und einen Ständer, fühlt Scham und wünscht sich, dass Britta ihm nichts erzählt hätte. Nein, er möchte, dass das alles nicht passiert wäre. „Das arme Ding!“, denkt er.

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