Trips Welt (12)

Nachdem er sich noch ein Stündchen aufs Ohr gelegt hat, steht er zum zweiten Mal an diesem Tag auf. Diesmal mit dem Vorsatz sein Tagwerk zu beginnen.
Die Episode am Telefon erscheint ihm wie aus einem Traum, wie ein Vormittag nach einem langen Mittagsschlaf, der den Tag in zwei teilt. Unwirklich klingt Carmens Stimme nach. Echoartig wiederholen sich „Honey“ und „Süßer“ und „Ich freue mich auf dich“ in seinem müden Kopf. Er lächelt und öffnet das Fenster, um den Morgen in seine Wohnung zu lassen. Tief inhaliert er die strömende, kalte, kristallene Luft.
Als er vor das Haus tritt, ist er immer noch mit dem Telefonat beschäftigt. Auf dem Weg zur Arbeit spürt er plötzlich den Stachel. Er sitzt irgendwo in der Nähe seines Zwerchfells und macht sich bei jedem Atemzug mit einem dumpfen Ziehen bemerkbar. Er erinnert sich daran, dass er eine Aufgabe zu erledigen hat und er weiß, dass der Stachel sich erst dann wieder auflöst, wenn er diese Aufgabe erfolgreich bewältigt hat. Er muss zu Dr.Peters gehen und es passt ihm überhaupt nicht. Viel mehr möchte er dem neuen Rhythmus seines Lebens ungestört folgen, im gleichmäßigen Takt eines Alltags schwingen. Aber nein, da muss ja wieder etwas dazwischen kommen! „Können die mich nicht mal in Ruhe lassen“, denkt er. Dabei weiß er nicht genau, wer „die“ sind. Er weiß nur, dass es sie gibt, dass sie über ihn bestimmen können und dass er sie hasst. Am liebsten möchte er jetzt der Frage Raum geben, was er eigentlich mit dieser Carmen und ihrem Dr.Peters zu schaffen hat, aber er verdrängt diesen Gedanken erfolgreich, richtet seine Aufmerksamkeit lieber nach Vorne. Innerlich strafft er sich, bereit die Stunden im Linksaußen konzentriert und fleißig anzugehen.

Er klopft energisch gegen die Glastür. Drinnen ist noch alles dunkel. Schemenhaft erkennt er eine Person aus Richtung Küche kommen. Britta sperrt ihm auf. Trip erschrickt ein wenig. Sie schaut unheimlich müde aus, alt irgendwie und so, als hätte sie viel geweint.
„Was ist denn los?“, will er wissen.
„Komm erst mal rein“, sagt sie. „Sehe ich echt so schlimm aus?“ Er nickt. Traurige Augen schauen ihm kurz entgegen. Draußen auf dem Bürgersteig geht jemand schlurfend vorüber. Es wird hell. Britta fängt an die Tische zu dekorieren. Sie hat frische Blumen besorgt. Trip zieht seine Jacke aus und hängt sie an die Gardarobe. Dann hilft er ihr mit den Vasen. Sie setzt sich auf einen Stuhl und fängt an zu reden: „Mario war gestern Abend bei mir. Eine Flasche Schnaps hat er mir mitgebracht und Aldi-Pralinen.“ Ein hämisches Lächeln spielt um ihren Mund. „Idiot! Damit wollte er mich weich kriegen. Übernachten wollte er bei mir. Da habe ich ihm klar gemacht, dass er sich verpissen soll und ich keinen Bock mehr auf so Schlägertypen wie ihn habe. Weiß du, was er dann gesagt hat, das Arschloch?“ Trip schüttelt den Kopf. „Er hätte da eine kleine Neuigkeit für mich. Würde mich bestimmt interessieren, meinte er. Grinsend hat er sich auf meinem Sofa breitgemacht und mir dann erzählt, dass es im Internet Pornofotos von meiner Susi zu sehen gibt. Natürlich habe ich ihm kein Wort geglaubt, aber dann hat er sie mir gezeigt. Meine Susi mit gespreizten Beinen und Sperma auf den Brüsten.“ Britta weint und hält ihren Kopf auf die Hände gestützt. Er weiß nicht genau, was er jetzt machen soll.
„So ein Schwein“, schluchzt sie leise. Er streichelt ihr unsicher über den Nacken. Meint sie Mario oder Susi Typen?
„Ich habe gelesen, dass das heute viel Kids machen“, versucht Trip zu trösten. „So wie wir früher Platten gehört haben oder ins Kino sind.“ „Ach Scheiße, du verstehst überhaupt nichts“, plärrt sie. Er sieht, wie sie heftig atmet. „Das ist doch mein Kind und jetzt hocken Kerle wie Mario vor ihren Dreckscomputern und wichsen sich einen, während sie meinen Engel angaffen. Es ist so schlimm. Ich kann das nicht ertragen“, und wieder schießen ihr Tränen in die Augen.

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