Trips Welt (7)

Er wartet, ob das Telefon noch mal läutet. Umsonst. Irgendwie hat er den Eindruck, dass der Mensch am anderen Ende der Leitung ein Mann gewesen war. Der kurze Atem, den er gehört hatte, war zwar neutral gewesen, trotzdem kann er sich nur einen Kerl vorstellen.
Auf seinem blassen Unterschenkel entsteht ein blauer Fleck. Er reibt noch mal über die Stelle und geht sich anziehen. Es ist schon halb Zehn und er braucht dringend seinen Kaffee.

Britta stellt ihm die Tasse hin. „Kannst du nachher mal kurz den Tresen übernehmen? Ich muss zum Amt.“
„Gern,“ sagt er, „aber was ist denn mit Carlo?“
“Kann heute nicht. Der muss eine Prüfung schreiben“, antwortet Britta.
Carlo ist ein bolivianischer Student, der seit zwei Jahren Tresenschichten im Linksaußen schiebt. Sein Deutsch ist immer noch nicht besonders, aber die Mädels mögen ihn. Wenn er durch das Cafe geht, um die Getränke zu verteilen, wippen seine langen, schwarzen Locken bei jedem Schritt. Abends ist er immer ausgebucht. „Deutsche Frauen wollen glücklich sein“, sagt er dazu.
“Das mit der Kaffeemaschine bekommst du schon hin“, meint Britta. „Ich zeige dir gleich, wie das Teil funktioniert.“
“Kein Problem“, meint Trip.
Britta geht zur Auslage und holt ihm ein belegtes Brötchen. Er lächelt sie dankbar an und sie lächelt zurück.

Nach der Kurzeinführung in die Technik des Linksaußen steht Trip allein im Laden und wartet auf Gäste. „Blumen auf den Tischen wären nett“, denkt er, als die Tür aufgeht und ein großgewachsener Typ im blauen Anzug reinkommt. Ohne zu grüßen, setzt er sich auf Trips Platz am Fenster, steht wieder auf, holt sich eine Zeitung und bestellt bei der Gelegenheit einen Latte.

Trip macht sich an den Armaturen der Kaffeemaschine zu schaffen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Er ist stolz auf sich und versucht während des Servierens lässig zu wirken. Sein Gast nippt am Glas und spuckt sofort aus. „Bäh“, macht er und schaut Trip streng an. „Was ist das denn für eine Brühe?“
Trip zuckt zusammen. Auf seinem Gesicht bilden sich rote Flecken. „Was ist damit?“, will er wissen.
Verächtlich schiebt der Mann das Glas einige Zentimeter weg von sich über die Tischplatte. „Ich muss mich ja wohl nicht rechtfertigen, wenn mir ihr Gebräu nicht schmeckt! Wo bin ich denn hier gelandet?“ Er steht auf, wirft die Zeitung auf den Stuhl und geht.
Als er aus dem Raum ist, nimmt Trip den Latte und probiert. „Schmeckt doch ganz normal“, murmelt er, beißt in den Beilagenkeks und trinkt das Glas leer. Da sieht er, wie der gerade noch so unzufriedene Gast ihn durch das Fenster von draußen beobachtet und angrinst. Dann ist er verschwunden.

Britta kommt früher zurück als erwartet. Auf dem Amt war nichts los und sie konnte ihren Kram schnell erledigen. Trip erzählt ihr von dem unschönen Erlebnis. Dass er den Milchkaffee am Ende selbst getrunken hat, verschweigt er. „Damit muss man in der Gastronomie leben können. Wichser gibt es überall“, meint Britta lapidar. „Ja, schon“, sagt er.

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