Trips Welt (6)

Carmen ist für ihn schwer zu durchschauen. Wie ein weißer Luftballon, der mit buntem Konfetti gefüllt auf dem Weg durch einen Windkanal ist, kommt sie ihm vor. Da sieht man hier und dort etwas durchschimmern und schon ist es wieder weg. Man kann den Blick nur schwer davon abwenden, bloß der Erkenntnisgewinn bleibt gleich Null.

Es gibt zum Beispiel die sehr ernste Carmen, die still dasitzt und nur dank ihrer im Bezug auf die Schwerkraft günstigen Sitzhaltung in der Lage scheint die Last der Welt zu tragen.

Das erste Mal, als Trip sie so erlebt hat, war er erschrocken. Zuvor hatte er nur eine fröhliche, spontane, ja fast lärmend kindliche Frau erlebt, die ihn mit Wärme, Licht und guter Laune verzaubert hatte. Sie war in sein Leben hineingebrochen, wie die Sonne in Gräber bricht, die man nach Hunderten von Jahren entdeckt und öffnet. Er blinzelte zunächst verwirrt und unsicher, gab sich aber schnell schonungslos ihrer Helligkeit preis. Was nutzten ihm all die verborgenen Geheimnisse, die feinen Zeichnungen seiner Seele, die er so viele Jahre im Dunkeln gehalten hatte, wenn sie nicht eines Tages doch ans Licht kamen? Es war im ja bewusst gewesen, dass er endlich frischen Wind an diesen inneren Teil herankommen lassen musste. Er konnte schon lange die Verwesung in sich spüren und den süßlichen Gestank der Abgeschlossenheit selbst an der Oberfläche seines Bewusstseins riechen.

Er dreht sich eine. Der Tabak, den er in einem zerknitterten Plastiktütchen mit sich herumträgt, ist nach all den Stunden in seiner Hosentasche wie frischgemahlen. Umständlich muss er die bröselige Masse auf das Paper schütten. Schwierig, so zu drehen, aber er schafft es. Tief zieht er den starken Rauch in die Lungen. Befriedigt atmet er aus. Ein feiner, bläulicher Nebel verteilt sich im nur durch das Licht im Flur beleuchtete Schlafzimmer. Trips Blick folgt den Schlieren und dem Mäandern. Es beruhigt ihn.

Carmen raucht auch, mindestens dreimal so viel wie er. Er hat gesehen, wie zittrig ihre Hände werden, wenn sie vergessen hat Zigaretten zu kaufen. Er hat ihr eine Selbstgedrehte angeboten. Die wollte sie aber nicht. „Bleib mir weg mit deinem Hippiekraut“, hat sie verächtlich gesagt und ist zum nächsten Automaten gelaufen, um sich eine Schachtel zu ziehen. Härte lag da in ihrer Stimme und eine Wucht, die ihn zurückzucken ließ.
Er drückt die Kippe im Aschenbecher auf seinem Nachttisch aus. Nach ein paar Zeilen in Carmens Buch schläft er ein.

Der nächste Tag beginnt mit dem sturen Läuten des Telefons. „Endlich“, denkt er, als er wach wird und stürzt ins Wohnzimmer, dorthin, wo der Apparat steht. Er stößt sich ein Scheinbein gegen die Tischplatte.

„Ja?“, fragt er hoffnungsvoll in den Hörer.

Nichts.

„Hallo! Hier ist Trip. Wer ist denn da?“

Wieder nichts.

„Hallo! Bitte! Sag doch was!“ Er reibt sich das gestoßene Bein. Es tut weh.

Er meint ein Atmen zu hören. Dann macht es Klick und die Verbindung ist unterbrochen.

„Scheiße“, sagt er.

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