Trips Welt (4)

„War doch nur ein kleiner Hund“, verteidigt sich Mario händeringend. Er hat sich nach ungefähr einer Woche zum ersten Mal wieder in Brittas Nähe gewagt.
“Klein oder groß. Was spielt das schon für eine Rolle. Kannste ja gleich sagen: War doch nur eine alte Frau, die ich ohnmächtig geschlagen habe, und keine junge“, bläfft Britta zurück. Ihre Gäste hören sich den verbalen Zweikampf, der sich hinter der Theke abzuspielen beginnt, mit zunehmendem Interesse an.
“Jung oder alt. Ist mir doch scheißegal. Auf jeden Fall ist sie eine dumme Fotze“, kontert Mario. „Die hat behauptet, ich bin schwul oder nicht? Und? Bin ich vielleicht schwul?“
Britta schüttelt den Kopf und nimmt eine Bestellung entgegen.
“Na, siehst du“, sagt Mario.

Trip hilft wegen der veränderten Verhältnisse nun fast täglich im Linksaußen. Bestimmt zwei Kilo hat er in den letzten Tagen zugenommen. Außerdem muss er nichts für seine Getränke zahlen. Das hat dazu geführt, dass er fast nichts ausgeben muss und gleichzeitig noch Geld bekommt. Endlich versteht er, was mit Win-Win-Situation gemeint ist.

Jedenfalls hat er plötzlich Kohle zuhause rumliegen. Erst mal hat er für sich eine Vorratspackung Drehtabak gekauft. Dir thront als eiserne Reserve jetzt oben auf seinem Kleiderschrank. Er kann sie vom Bett aus sehen, wenn er morgens aufwacht. Ein gutes Gefühl von Sicherheit. Die Dose vermittelt ihm, dass er sein Leben im Griff hat. „Spare bei Zeiten, dann hast dus in der Not“, denkt er zufrieden.

Den Rest der Asche will er sparen, um mit Carmen irgendwas Nettes zu machen. Er will sie überraschen. Essen gehen oder vielleicht sogar ein, zwei Tage mit ihr ans Meer fahren. Nachts, bevor er einschläft, hat er etwas, worüber er nachdenken kann, ohne, dass es ihn gleich fertig macht. Er überlegt, ob Arbeit vielleicht doch nicht so schlecht für den Menschen ist, wie er immer vermutete. Sein Vater hat ihm ja immer gepredigt, dass Arbeit das halbe Leben ist und er sich ein Leben ohne nicht vorstellen könnte. „Ich wüsste gar nicht, was ich dann tun sollte“, hat er gesagt und sein Sohn hat gedacht: „Mit mir Mau-Mau spielen.“

Ein fleißiger Schlosser war sein Vater, dessen Leben tatsächlich aus fast 50% Arbeit bestand. Der Rest setzte sich aus 25% Essen, Trinken, Schlafen, 20% Fußball, 4% seiner Frau und 1% Kinder zusammen. Das eine Prozent musste sich Trip auch noch mit seiner Schwester Monika teilen. Als er älter wurde, dachte er sich, dass sein Vater nur deswegen so gern Arbeiten ging, weil er so möglichst lange seiner Frau und den Kindern aus dem Weg gehen konnte. In seiner Männerwelt fühlte er sich wahrscheinlich geborgen. Die Dinge waren planbar, durchführbar und bezahlbar. Anders zu Hause. Da weinte die Mutter manchmal und die Kinder nervten. Aber egal, wie schlimm es gerade war, eines war immer wichtiger: der Erwerb. Und deshalb ging der Vater aus dem Haus, ob es regnete oder schneite, ob der kleine Egon Fieber hatte oder die Monika Sehnsucht. Sie rangierten alle nur im Mittelfeld einer Liga, an deren Spitze stets die Arbeit stand.

Trip bemühte sich eine Weile seinen Tabellenplatz zu verbessern, ließ sich dann aber sinken und fiel Platz um Platz, bis er schließlich dort gelandet war, wo er sich noch immer befand.

Aber er denkt lieber an Carmen als an das alte Zeug. Sie heitert seine Gedanken auf. Nur eins irritiert ihn etwas. Seit Tagen wartet er auf einen Anruf von ihr. Sie hatte ihm bei ihrer Abreise versprochen, sich regelmäßig zu melden. Eine Nummer von ihrer Mutter wollte sie nicht rausrücken. Die Kranke war schon belastet genug. Sie wollte durch Anrufe eines fremden Mannes nicht noch mehr Unsicherheit und Verwirrung erzeugen. Trip hatte das verstanden.

Bloß meldet sich Carmen schon so lange nicht mehr. Er beginnt sich Sorgen zu machen.

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