Trips Welt (3)

„Und jetzt?“, fragte sie, strich sich dabei ihre wirr herabhängenden blonden Haare aus dem schmalen Gesicht. Ihre grauen Augen funkelten unternehmungslustig.
“Weiß nicht“, meinte er. „Was trinken?“

Sie tranken also was. Er bestellte noch einen Kaffee und sie einen Tee. Koffein würde sie zu nervös machen, erklärte sie.

„Auf wen geht das?“, wollte Britta gleich wissen, als sie die Tassen auf den Tisch stellte. Trip schaute Carmen nervös an. Die verstand und nickte. Britta zog ab.
“Jetzt habe ich aber was gut bei dir“, sagte Carmen lächelnd. Trip rätselte, was sie wohl von ihm erwartete.
“Wie wäre es, wenn du mir gleich mal deine Lieblingsplätze zeigst. Ich muss mich noch orientieren. Bisher gefällt es mir hier nämlich nicht so toll. Alles, was ich gesehen habe, waren störrische Gesichter und blöde Architektur.“

„Warum bist du dann überhaupt hier?“, dachte er, sagte aber: „Klar.“ Es gefiel ihm nicht besonders, so eingespannt zu werden. Schließlich hatte sie ihn ja angelabert.

„Wie heißt du eigentlich?“, wollte sie wissen.

Zur Zeit ist Carmen in Kamen bei ihrer krebskranken Mutter. Trip kommt es so vor, als wäre die der einzige Mensch auf der Welt, der ihr etwas bedeutet. Den Rest der Menschheit behandelt sie eher wie Konsumgüter. Sie erfüllen einen gewissen Zweck oder eben nicht. Welchen Zweck er erfüllen soll, hat er noch nicht raus. Vielleicht macht sie bei ihm ja auch eine Ausnahme, so wie bei ihrer Mutter.

Er ist sich auch nicht sicher, was er von ihr will. Sex, klar, und Geselligkeit. Er ist richtig scharf auf sie und ihr scheint das nichts auszumachen. Auf der anderen Seite hat er auch nicht den Eindruck, dass der GV mit ihm ihr besondere Freude bereitet. Einmal hat sie danach gesagt, es wäre ganz in Ordnung mit ihm. Das klang so, als hätte sie schon mit vielen Männern geschlafen, als hätte sie den Überblick und Trip wäre irgendwo im Mittelfeld gelandet.

Erst war er deswegen gekränkt, hat sich aber mittlerweile damit arrangiert. Nach einer mehrjährigen sexuellen Durststrecke ist ihm fast alles recht. Er kann es sich schlicht nicht leisen, in diesem Punkt eitel zu sein. Besser im Mittelfeld, als gar nicht am Start, denkt er.

Die Tage seit Carmen weggefahren ist, um sich um ihre Mutter zu kümmern, haben ihn wieder in seinen alten Rhythmus zurückfallen lassen. Er geht früh ins Linksaußen und trinkt nach seinem ersten Kaffee, der ihm den Weg in den Tag öffnet, und nach der Lektüre einer Boulevardzeitung einen O-Saft, der Gesundheit wegen. Wenn das Glas alle ist, geht es schon auf Mittag zu.

Britta fragt ihn manchmal, ob er ihr beim Aufräumen hilft oder sonst wie zur Hand geht. Gewöhnlich macht das ihr Freund Mario, aber der hat eben auch oft besseres zu tun, als anderen Leuten ihren Mist hinterher zu räumen.

An diesen Tagen ist Britta besonders freundlich zu ihm. Sie braucht ihn. Dann gibt es neben ein paar Euro auch ein warmes Essen und ein Lächeln, das ihre schiefen Zähne zeigt.

Mario hat gerade Stress mit den Bullen, weil er mit seinem Motorrad einen Hund überfahren hat. Die Alte, der der Hund gehörte, hat ihn vor allen Leuten angeschrieen: „Du schwuler Wichser“, hat sie gerufen, „so einer wie du sollte noch nicht mal allein aus dem Haus dürfen. Dummes Arschloch!“

Da war sie natürlich bei Mario an den Falschen geraten. Er hat ihr so eine gelangt, dass sie neben dem zermatschten Hund ohnmächtig auf den Asphalt fiel und sich voll in die Blutlache legte.

Als endlich der Krankenwagen kam, dachten die Sanis, sie hätten es mit einem ausgewachsenen Massaker zu tun und waren baff erstaunt, als die Alte sich aus eigenen Kräften und weitgehend unversehrt auf ihre Beine stellen konnte.

Seitdem herrscht zwischen Britta, die wegen dieser Nummer richtig sauer ist, und Mario Funkstille.

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