Trips Welt (1)

Trip heißt eigentlich Egon. Er schämt sich für diesen Vornamen, den ihm sein Vater gab, weil er ein großer Bewunderer der Fußballkünste eines gewissen Egon Horst vom HSV war. Der schoss zwar während seiner gesamten Karriere nur ein Tor – und das auch noch für Schalke – wurde aber allgemein wegen seiner Leistungen als Verteidiger hoch geschätzt.

Trip hat mit Fußball nichts am Hut. Er versteht das ganze Theater um diesen Sport nicht. Wahrscheinlich liegt das daran, dass er in seiner Kindheit ständig mit Vorbildern aus diesem Bereich konfrontiert wurde und er den hochgesteckten Erwartungen seines Vaters nicht gerecht werden konnte. Er war schon immer eher phlegmatisch, bewegte sich nur, wenn es der Nahrungsaufnahme oder anderen primären Zielen der Lebenserhaltung diente.

Mitte der achtziger Jahre verbrachte Trip zusammen mit Timm, seinem bis heute besten Freund,  ein ereignisreiches Wochenende in Amsterdam. Neben einem großen Tütchen Gras brachte er von dort seinen Spitznamen mit. Er trägt ihn wie einen Adelstitel und hält alle dazu an, ihn so zu nennen.

Im Lauf der Jahre wurde ihm das immer wichtiger. Durch sein Leben zieht sich eine klare Trennlinie, die Egon/Trip-Linie. Trip ist er da, wo er er sein will. Egon Kusch bezeichnet den Bereich, zu dem er keinen Bezug hat: Arbeit, Ärzte, Ämter, Angehörige.

Diese Egon-Welt meidet er soweit er nur kann. Ab und zu muss er sich zwar dem Schicksal fügen und Geld verdienen oder eine Praxis aufsuchen, wenn er krank ist, aber er ist ziemlich gut darin, dem ganzen Stress aus dem Weg zu gehen.

Eigentlich ist das das einzige, worin er es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht hat.

Manchmal erstaunt es ihn, mir wie wenig Aufwand er es bis zu seinem vierzigsten Geburtstag gebracht hat. Wenn er sich jenseits der Egon-Linie umschaut, sieht er vor allem wahnsinnig beschäftigte Leute, die alle unheimlich wichtig sind oder zumindest so tun als ob. Man könnte fast meinen, die Welt stünde still, sobald mal einer seinen Job vernachlässigt. Trip ist da anders.

Er sitzt gern in seinem Lieblingscafe und lässt den Tag an sich vorbei ziehen. Hier kennt ihn jeder. Hier ist er Trip und sonst nichts.

Am Fenster stehen zwei Baststühle an einem kleinen Tisch. Dort sitzt er am liebsten und schaut nach draußen. Er liest gern die ausliegenden Zeitungen, trinkt mittags Kaffee und abends Bier. Dazwischen geht er schnell mal zu Aldi und holt sich Weißbrot mit Thunfisch oder anderen Sachen. Das Essen im Linksaußen ist ihm zu teuer. Drei Euro fünfzig für ein Käsebaguette kann er sich angesichts seines knappen Budgets nicht leisten.

Britta, die Chefin des Cafes, mag es nicht, wenn er Mitgebrachtes bei ihr isst. Trotz seiner häufigen und worteichen Versuche sie umzustimmen, kann sie sich in diesem Punk einfach nicht locker machen. Das nervt Trip zwar, schließlich ist er ihr treuster Kunde, aber er fügt sich und setzt sich für seine Mahlzeiten auf eine Parkbank. Manchmal geht er bei schlechtem Wetter schnell in seine Einzimmerwohnung, die direkt über dem Aldi liegt und isst da. Nach Möglichkeit bleibt er draußen. Er mag seine Wohnung nicht so sehr. Hier fühlt er sich eingesperrt und auf sich selbst zurückgeworfen. Seine Gedanken bekommen eine dunkle Färbung, wenn er zu lange alleine ist. Deshalb bleibt er so lange unter Leuten, bis er müde oder betrunken genug ist, um ins Bett zu fallen und zu schlafen, ohne sich vorher den Kopf zu zerbrechen.

Trip hat vor ein paar Tagen eine Frau kennen gelernt. Carmen. Sie kam in den Waschsalon, als er gerade auf das Ende des Schleuderprogramms wartete. Schon als sie reinkam, erkannte er zweierlei mit einem flüchtigen Blick. Sie hat einen an der Waffel und tolle Titten.

Obwohl niemand außer Trip am Waschen war, wählte sie, ohne zu zögern, die Maschine direkt neben seiner und setzte sich zu ihm. „Hi“, sagte sie und er dann auch.

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