Der kleine Morth (lxxxxiii – fin)

Das Telefon knallte gegen die Wand. Sein Plastikgehäuse zersprang in Hunderte bunter Teile, die sich über den Teppich im Flur verteilten. Es war erst der Anfang. Systematisch ging Morth durch die Räume und zerlegte alles, was ihm zwischen die Finger kam. Aggression, dachte, fühlte er. Und Erleichterung, sich zu trennen. Die körperliche Bewegung, die Heftigkeit seiner Handlungen verschafften ihm großes Glück. Ein Orgasmus nach langer Enthaltsamkeit. Wirres Glück zwar, vergänglich, ungebändigt, aber rein. Er hauste und alles gab nach.
Erst, als er unter den Trümmern seines Bettes, ein altes Exemplar seiner Wundgemälde entdeckte, hielt er kurz inne. Mit rotgeäderten Augen betrachtete er das Bild. Ein Lächeln spielte über seine Lippen. Er wollte schön ordentlich sein. Hinterher sollte niemand sagen können, er hätte nicht an alles gedacht. Stand da nicht noch eine Flasche Spiritus in der Küche?
Seine Erinnerung hatte ihn nicht getrogen. Er nahm eines seiner Hemden vom Boden und tränkte es. Damit versuchte er die Farbe von der Leinwand zu reiben. Er setzte sich im Schneidersitz hin und rieb immer fester. Die Adern auf seinen Händen traten als blaue Bahnen hervor. Die Leinwand bekam er so aber nicht sauber. Das Bild war schon zu alt. Nichts als braune Schlieren entstanden.
Unzähmbare Wut kochte erneut in Morth hoch. Er nahm die Flasche mit dem Spiritus noch einmal und stand auf. Die aufgezogene Leinwand schleuderte er durch das Schlafzimmer. Mit einem unangenehm subtilen Knacksen brach der Keilrahmen.
„Reinheit!“, schrie er da und goss die Flasche in seiner Hand aus. Dabei drehte er sich im Kreis und lachte wild. Fast gierig nahm der Teppich die durchsichtige Flüssigkeit auf.

Es interessierte ich ihn nicht mehr, wie die Flammen in den Fenstern standen, wie die Leute zusammenliefen und schrieen und deuteten. Er ging langsam zwischen ihnen hindurch. Sollten sie doch gaffen! Was hatte er damit zu schaffen?

Hinter der nächsten Straßenecke war von dem ganzen Auflauf nichts mehr zu hören und zu sehen. Hier gingen die Menschen ihren Geschäften nach, Autos befuhren die Straße, eines hupte.
Irgendwann hörte Morth Sirenen. Galten sie ihm? Schwer zu sagen. Auch, ob Minuten vergangen waren oder Tage.
Er bestellte sich am Bahnhofskiosk ein Bier. Kühl war es und schmeckte herb. Seine Kehle war völlig ausgetrocknet gewesen. Von drüben, von den Bahnsteigen her wehten die Ansagen herüber und für Morth klangen sie wie süße Gesänge. Er lauschte und trank und dann lauschte er in sich hinein, ob da noch etwas übrig wäre von dem, was er loszuwerden geplant hatte. Aber da war nur noch eine glatte Fläche, von Fackeln hell beleuchtet. Aus Freude brannten die Lichter und sauber war die Fläche.
Morth trank und als die Flasche leer war, lächelte er den Kioskmenschen an und ging davon.

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