Der kleine Morth (lxxxxii)

Er versuchte noch eine Zeitlang ihr seine Beweggründe zu erklären. Je mehr er aber redete, desto weniger verstand er sich selbst und je mehr Sues anfängliche Wut sich in Traurigkeit wandelte, desto unsicherer wurde er mit seinem Plan aufzuräumen. Sie tat ihm leid. Er konnte es kaum aushalten. Am liebsten hätte er sie in den Arm genommen und getröstet. Und doch blieb er wie versteinert neben ihr stehen und sah zu, wie sie immer kleiner wurde, in sich zusammensank und weinte.
Da hätte er noch alles aufhalten können. „Komm, Baby, war nicht so gemeint. Ich bin ein dummer Kerl. Natürlich werde ich dich nie verlassen. Ich liebe dich doch“, sagen können. Mit ihr in einer der Studentenkneipen was Starkes trinken gehen können, bis sie das alles wieder vergessen hätten. Er hätte ihr was Schönes kaufen können. Ihr sagen können, wie gut ihr das rote Kleid stand, das sie trug.
Aber genau das wollte er eben nicht mehr. Morth wollte nicht mehr trinken, nicht mehr kaufen, nicht mehr lieben. Zumindest wollte er nicht mehr so lieben, wie er es gewohnt war. Ob er noch leben wollte, ohne dass sein Leben von den Gewohnheiten, die ihn bisher begleitet hatten, getragen wurde, konnte er nicht sagen. Aber das war sicher etwas, was er herausfinden musste und dazu gehörte eben, dass er einen Schlussstrich zog, so leid es ihm um Sue tat.

Immerhin war er sich sicher, dass sie sich schnell würde trösten können. Sie stand schließlich mit beiden Beinen fest auf dem Boden und an der Uni warteten Dozenten und Kommilitonen doch nur auf ihre Gelegenheit. Und dann war da ja noch Fuller.

„Was ist nur aus dir geworden?“, fragte ihn Sue noch. „Vor ein paar Wochen war alles in Ordnung. Du, deine Bilder, New York. Wir hatten doch Spaß oder etwa nicht?“

„Klar hatten wir Spaß. Sicher.“, sagte Morth und ließ offen, was sie nicht gehabt hatten. Er wusste es ja selbst noch nicht.

Was er wusste war, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen war, sich umzudrehen und wegzugehen. Er würde sich nicht mehr rechtfertigen können und was es zu sagen gegeben hatte, das wenige, hatte er gesagt. Er ließ Sue also dort an der Uferbegrenzung stehen. Sie unternahm keinen Versuch mehr, ihn zurückzuhalten. Er setzte Schritt an Schritt und spürte wie ihr Blick, den sie ihm nachwarf,  immer schwächer wurde.
Es zog ihn in seine Wohnung. Er musste noch etwas aufräumen.

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