Der kleine Morth (lxxxxi)

Gegen 11 begrüßte ihn Dr. Roh breit grinsend mit einem freundlichen: „Na, sie sehen mal so richtig scheiße aus. Was ist denn passiert?“ Morth lächelte gequält zurück und sagte: „Ach, wissen sie Doc, mir ist seit meinem letzten Besuch bei ihnen so einiges klar geworden und ganz ehrlich, es scheint mir nicht besonders gut getan zu haben. Erst dachte ich, ich hätte alles verstanden: Sex und Aggression und so. Fast meinte ich, ich bekäme mit dieser Einsicht mein Leben irgendwie wieder in den Griff, aber dann war da diese Frau im Prinkler und plötzlich war alles wieder weg.“
“Sie sind ja völlig durcheinander.“, meinte Roh mit ungewohnt väterlicher Zuneigung in der Stimme, „Setzen sie sich doch erst mal und erzählen sie mir das alles ganz ruhig und nach einander. Also was war mit Sex und Aggression?“
Morth setzte sich und versuchte die Geschehnisse der vergangenen Tage einigermaßen stimmig wiederzugeben. Dabei merkte er, wie verrückt das alles klang. Ja, noch viel mehr: wie verrückt war diese ganze letzte Zeit gewesen! Seine Malerei – paranoid und dekadent, sein Wunsch berühmt zu werden – völlig narzisstisch, die Beziehung zu Sue – größtenteils masturbatorisch. Während er zu Dr. Roh sprach, zogen in seiner Vorstellung all diese Gesichter vorbei. Fast wie in Trance sah er sie: seine Kunden, Stiefer, Till, Fuller, Karla, die mit ihren weichen Dingern vor seinen Augen herumwedelte. Er bekam eine mittlere Erektion.
“Meinen sie ich werde irgendwann wieder normal?“, fragte er den Doktor am Ende seines Berichts.
“Nun ja“, sagte der. „Eigentlich habe ich da keine Zweifel. Sie können es schaffen, ja. Bis dahin müssen sie aber brav ihre Hausaufgaben machen. Versuchen sie ihre Triebe einigermaßen in den Griff zu bekommen. Verschaffen sie sich etwas Distanz zu Sex und Tod. Klären sie ihren Geist. Räumen sie auf. Das ist meine Botschaft bis zum nächsten Mal: Werden sie klar!“

Am Nachmittag war er mit Sue verabredet. Sein Entschluss stand fest, als sie vor der Uni auf ihn zugelaufen kam. Hier war für ihn Schluss.
Sie gingen einen Weg am Fluss entlang. Vergnügt plauderte sie auf ihn ein, erzählte von ihren Reisevorbereitungen und einer Mail, die sie von Fuller bekommen hatte. Er wolle im kommenden Monat vorbeischauen und sie unbedingt sehen. „Meinst du, der will was von mir?“, fragte sie Morth etwas zu unschuldig.

„Wundern würde es mich jedenfalls nicht und vielleicht wäre das ja auch gut so. Ich meine, für dich“, meinte Morth dazu.
“Wie bitte?“, fragte Sue verwirrt.
“Ich meine damit, dass ich mich von dir trennen muss.“ Er blieb stehen und schaute sie ernst an. „Wirklich. Ich kann nicht mehr. Ich muss mich von allem trennen, was mit Sex und Tod …“ Weiter kam er nicht.
“Was für eine Scheiße erzählst du da? Sex und Tod? Bist du jetzt zum Vulgär-Freudianer geworden?“ Sue schrie fast.
Morth bemühte sich ruhig zu bleiben: „Ich muss aufräumen. Es tut mir leid. Sei mir bitte nicht böse. Wir hatten eine sehr gute Zeit zusammen. Mach das nicht kaputt.“
Sues Gesichtszüge entglitten ihr. „Ich, ich soll das nicht kaputt machen. Sag mal, bist du denn total verrückt geworden?“
“Ja“, sagte Morth.

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