Der kleine Morth (lxxxx)

Wohin sich also wenden? Morth wusste es nicht mehr, schon sehr lange wusste er das nicht mehr, hatte aber immer eine Illusion gehegt, die ihn angetrieben hatte. Zumindest seine Wünsche hatten eine Richtung vorgegeben. Nach all dem aber, was er hinter sich hatte, blieb ihm der Asphalt des Bürgersteigs, der Lärm der Fahrzeuge und ein weiter Himmel, der sich stetig über alles spannte. Kein Trost, kein Wollen und kein Sollen. Morth war frei.

Er musste noch mit Sue sprechen. Das blieb ihm. Nur die Kraft fehlte ihm. Sie weit weg und allein der Weg zu ihr würde ihn völlig erschöpfen. Morth wollte sich ausruhen. Daran klammerte er sich nun. Dieser eine Antrieb ließ ihn nach Hause gehen, ließ ihn stehen und den Schlüssel im Schloss drehen. Er fiel aufs Bett und schloss die Augen. Hinter den Lidern zuckten Blitze und die Gedanken schossen ihm wie Granatsplitter im Kopf umher. Sein Puls raste und die Hände wurden ihm feucht.
„Herrgott nochmal!“, dachte er mehrmals, als könnte dieser Ausruf ihn zur Räson bringen. Die Unruhe peitschte ihn, den Liegenden, voran. Immer schneller und lauter schnalzte das Leder und je mehr Morth sich dem beugen musste, desto mehr kehrte alles zurück. Scham überfiel ihn und Enttäuschung und Todesangst. Dabei hatte er sie doch immer nur für Spielgefährten gehalten! Die Scham und den Tod.

Nach einer Stunde hatte er sich etwas beruhigt. Seine Kleider waren schweißnass, aber er lebte. Er konnte wieder normal atmen und irgendwann auch einschlafen. Friedlich glitt er hinüber.
Als er aufwachte, war es dunkel im Zimmer. Sein Kopf war abgesehen von einer diffusen Beklemmung völlig leer und seine Beine wogen schwer. Sie schienen ihn daran hintern zu wollen aufzustehen. Er zwang sich dennoch, weil er pissen musste. „Ein Lob auf die Körperfunktionen“, murmelte er, während der warme, gelbe Urin aus ihm heraus floss. Da gab es kein Vertun, was getan werden musste, musste getan werden. Der Körper stellte sich nie so albern an, wie der Geist mit seinen abwegigen Verzweigungen und Irrführungen, die den, der die Gemeinschaft verlassen hatte, immer zur Verzweiflung brachten. Nein, der Körper trug ihn weiter. Er pisste, weil er pissen musste. Auf Dauer blieb ihm da keine große Wahl.

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