Der kleine Morth (lxxxix)

Es kam, wie es kommen musste. Kaum hatte sich Morth zu einem weiteren Annäherungsversuch durchgerungen und innerlich darauf vorbereitet, öffnete sich die Tür des Cafes erneut und ein braungebrannter, stämmiger Kerl vom Typ Promizahnarzt schlenderte herein. Freudig sprang die Schöne vom Nachbartisch auf und eilte in seine Arme. Sein Gebiss strahlte. Sie winkelte bei der Umarmung vor Erregung ein Bein nach oben ab. Morth wurde schlecht.
Sofort kramte er nach seinem Geldbeutel, knallte vernehmlich einen Zwanzigeuroschein auf den Tisch und verließ bitter enttäuscht das Prinkler.
“Was soll das alles?,“ fragte er sich nach ein paar Minuten mit einer tiefen Ernsthaftigkeit, die er bisher noch nicht an sich bemerkt hatte und so, als hoffte er tatsächlich, aus dem Erlebten Schlüsse ziehen zu können, die mehr wert waren als die süßliche Luft, in der sich alles abgespielt hatte. Zuerst tendierte er dahin, dass das alles nur ein besonders perfider Scherz sei. Aber wer sollte Interesse an solchen Scherzen haben? Dann kam er sich albern vor, eben als Witzfigur, weil er so naiv gewesen war, an das große Glück im Cafe Prinkler zu glauben. Er war einem Trugbild aufgesessen. Sein verwirrtes Hirn hatte ihm vorgegaukelt, dass noch Hoffnung, dass noch eine Chance auf Glück für ihn bestand. Und er? Er wollte es so gern glauben. Nichts wollte er mehr, als von seiner Überzeugung abgebracht werden, dass er isoliert sein müsste und weit weg von Schönheit, Geilheit und dem Streben nach Erfüllung. Schluss damit! Er kannte jetzt den Sinn: Der ganze Schmerz, das Leiden und sein Hang zur Selbstvernichtung hatten nur immer wieder ein Ziel gehabt, ihn davon zu überzeugen, dass er sich vom Leben, bzw. dem, was die meisten dafür hielten, abwenden musste. Er hatte nur seine Zeit vertan und war immer weiter eingetaucht, tiefer, tiefer, bis er kein Licht mehr sehen konnte. Man war nicht allein da unten, nein, es war gesellig, nur konnte man sich eben auch nicht erkennen. Hin und wieder berührte einen jemand, streifte einen, holte einer einem einen runter, kaufte jemand ein Bild, aber es war alles dunkel und kalt. Von oben strebten immer neue Menschen nach, drückten die schon Anwesenden weiter in die Tiefe, verdunkelten mit ihren jungen Leibern zusätzlich die Sonne. Morth taumelte, als er all das erkannte. Am liebsten hätte er sich auf der Stelle, schräg gegenüber des Hauptbahnhofs übergeben, aber die Übelkeit war nicht in seinem Magen. Sie saß in seinem Herzen.

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