Der kleine Morth (lxxxviii)

Noch bevor die Kellnerin auf sein Zeichen reagieren konnte, öffnete sich schräg vor ihm die Tür des Cafes. Das leise Bimmeln des Glöckchens, das über dem Eingang angebracht war, zog seine Aufmerksamkeit weg von der Bedienung und seinem Wunsch zu zahlen hin zu der unglaublich hübschen Frau, die gerade mit gemessen Schritten eintrat, sich umsah und endlich einen Platz am Tisch direkt neben seinem wählte.
“Sie wünschen?,“ fragte ihn die Servicekraft wie aus heiterem Himmel. Morth schreckte zusammen. „Oh, ich nehme noch einen. Bitte.“ Dann starrte er wieder die Frau an. Sie hatte ihre Jacke abgelegt und betrachtete nun die Karte. Blaue, glänzende Augen schienen über das laminierte Papier zu fliegen.
“Einen, was, bitte. Kaffee, Likör oder Kuchen?,“ wollte die Bedienung von ihm wissen. Langsam wurde Morth zornig.
“Kaffee,“ stieß er hervor, ohne seinen Blick von der Hübschen abzuwenden. Er wollte unbedingt, dass sie ihn bemerkte, dass sie ihn ansah und ihm damit einen Stich ins Herz versetzte.
“Sex und Aggression. Was für ein Blödsinn!,“ dachte Morth. „Schönheit und Phantasie oder Perfektion und multipler Orgasmus oder Glück und Liebe.“ Dieses Denken verschmolz mit seinem Gefühl und er konnte beides nicht mehr unterscheiden.
Im Moment war das größte Glück zu sitzen und diesem zauberhaften Wesen dabei zuzusehen, wie es seine Bestellung aufgab, sich zurücklehnte, seinen BH zurechtzupfte und endlich in die Runde blickte. Morth konnte ein Zucken seiner Mundwinkel nicht unterdrücken, als sich ihre Blicke trafen und der ihre für den Bruchteil einer Sekunde zu lange an seinem hängen blieb.
“Meine Güte,“ schoss es Morth durch den Kopf. „Meine Güte!“ Er war wie gelähmt. So etwas war ihm seit seiner Pubertät nicht mehr passiert. Damals allerdings sehr häufig, häufiger als es ihm lieb gewesen war, täglich fast. Aber an diesem Tag? Ausgerechnet!
Es erschien ihm reichlich absurd, dass er im Augenblick seiner tiefsten Erkenntnis und Entschlusskraft so vom Leben an der Nase herumgeführt wurde. Gerade hatte er sich noch in die Abgeschlossenheit einer profanen Klosterzelle hinein gewünscht und jetzt würde er alles dafür geben, zwischen den langen Schenkeln dieser Frau dort zu liegen, die Lippen ihrer Muschi mit seinem Schwanz zu teilen, ihre Zunge zu schmecken. Er erkannte die Versuchung, die ihn von seinen Vorsätzen abbringen wollte, und er konnte sich nicht dagegen wehren. Hilflos saß er da und die Größe seiner Vorstellungen, die Erhabenheit seiner Lebensplanung schrumpfte angesichts der Schönheit einer Frau zusehends zusammen wie ein Apfel in Zeitraffer.
Das Objekt seiner Begierde hatte sich ein kleines Gebäckteilchen und Rotwein bringen lassen. Das und alles andere an ihr fand Morth einfach umwerfend. Er überlegte krampfhaft, wie er sie ansprechen könnte. Ihm fehlte eindeutig die Routine in diesen Dingen und so kam ihm keine andere Idee, als nach der Zeit zu fragen.
Während er gerade aufstehen wollte, er befand sich mit leicht gekipptem Oberkörper über der Tischplatte, die Beine schon halbwegs ausgestreckt, wurde ihm sein Kaffee serviert. „Kann ich noch etwas für sie tun?,“ fragte die Bedienung, die sich wohl über Morths seltsame Körperhaltung wunderte.
“Ja,“ sagte Morth schroff und ließ sich auf seinen Stuhl zurückfallen. „Lassen sie mich einfach in Ruhe.“ Nachdrücklich setzte er hinzu: „Bitte!“

Er brauchte etwas Zeit, um sich für seinen nächsten Angriff zu sammeln. Derweil versuchte er unter dem leider recht weit geschnittenen Oberteil der Frau Konturen zu erkennen, die auf die Form und Größe ihrer Brüste hindeuteten. Auch wenn er wenig Konkretes sehen konnte, stand für ihn eins fest. Sie hatte die phantastischste Figur, die er sich vorstellen konnte.
Das hatte er zwar damals bei Sue auch gedacht und sein Urteil nach ein paar Monaten leicht revidieren müssen, hier war er sich aber unumstößlich sicher. Jeder Einsatz würde sich lohnen und er wäre fähig ihn zu leisten. „Sex und Aggression,“ dachte er. „Also doch!“

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