Der kleine Morth (lxxxvii)

Morth saß da, starrte durch die Scheibe hinaus in die Ferne, rührte ab und zu seinen Kaffee um und dachte nach. Welche Art von Aggression hatte Roh gemeint? Zunächst war da die Wut und Zerstörungssucht, die er gegen sich selbst richtete: dieser Selbstmord auf Raten, den er schon so lange betrieb. Wie sehr musste er sich hassen, dass er all das mit sich machte? Das ganze Kokain, der Alkohol, Tabak, die langen Nächte. Und wie gleichgültig waren alle damit umgegangen? Da hatte er die ganze Zeit über gestanden und mit fast allem was er tat, signalisiert, dass er sich wegmachen wollte und niemand, wirklich niemand hatte ihn auch nur einmal gefragt, ob mit ihm alles in Ordnung sei. Keiner, der bemitleidend ein gutes Wort gefunden hätte, ein Wort der Heilung oder wenigstens des Verständnisses. Im Gegenteil, es war allen nur recht so. Sue war es recht und Stiefer und Till und all den anderen gespensterhaften Gestalten, denen er je begegnet war. Bett- und Saufgenossen waren sie gewesen und keinen Deut mehr. Von Freundschaft oder Liebe konnte keine Rede sein. Das wurde Morth jetzt klar und es machte ihn nicht traurig, nein, er freute sich über diese Einsicht. Nur etwas verunsicherte ihn. Wenn das alles so war, wie es sich ihm gerade darstellte, gab es dann etwas wie Liebe überhaupt? Hatte es Sinn, danach zu suchen oder darauf zu hoffen? Vielleicht lag es einfach an ihm, überlegte er. Vielleicht konnte er keine anderen Menschen ertragen. Es sei denn er wäre in irgendeiner Form berauscht und damit uneigentlich.
Er fuhr mir seiner Gabel in den Kuchen und steckte sich mit entschlossener Geste das abgebrochene Stück in den Mund. Dann spülte er die klebrige Masse mit einem Schluck aus seiner Tasse hinunter. Vor dem Fenster gingen Passanten wie Schemen auf und ab. Morth nahm sich vor, dass ihn alle mal könnten. Wenn sie ihn nicht wollten, wollte er eben auch nicht mehr. Er würde sich in seine neue Wohnung am Rand der Stadt zurückziehen und endlich Frieden finden. Die Erfahrung mit seiner Malerei und dem plötzlichen Erfolg damit hatte ihn so manches gelehrt. Die wichtigste Einsicht war wohl, seinen Wünschen und inneren Heilsversprechen nicht zu trauen. All diese Illusionen waren nur dazu gut gewesen, ihn noch weiter von sich selbst wegzuführen. Er musste über sich selbst lachen, als er daran dachte, wie sehr er darauf gehofft hatte, dass alles gut würde, fände er nur Anerkennung. „Vertraue auf dich selbst“ oder „die Wahrheit liegt in deinem Inneren“ waren die wahrscheinlich  blödsinnigsten Botschaften, auf die er jemals gehört hatte. Genauso gut hätte er darauf hoffen können, vom Rauchen einer Zigarette zum Abenteurer oder geilen Jet Setter zu werden. Das würde ihm nicht mehr passieren. Er war durch mit den Ganzen. Das, was ihm bliebt war der Rückzug und die Ruhe. Darauf freute er sich und er war sich sehr sicher, dass er beides bald bekommen würde. Nur noch ein Gespräch mit Sue, nur noch ein Umzug, nur noch einmal seinen Bruder treffen. Es kam ihm irreal einfach vor. Dankbarkeit flammte in seinem Herzen auf. Er dankte Dr. Roh für sein neues Leben. Statt sich an Windmühlen abzuarbeiten, konnte er sich in Zukunft seinen wahren Feinden stellen: Sex und Aggression.
Morth war begierig darauf, in den Kampf zu ziehen. Davor allerdings lagen noch ein paar Sitzungen bei Roh. Von diesen Sitzungen erwartete er, mehr über seine Gegner, seine Waffen und die erfolgsversprechendste Taktik zu erfahren. Er war leer und sein Lehrer würde ihn füllen. Mehr verlangte Morth nicht. Die Zeit der Späße war vorbei. Es wurde ernst. Er hatte einen Zipfel der Wahrheit zu fassen bekommen und er würde ihn nicht mehr loslassen. Entschlossen winkte er der Bedienung um seine Rechnung zu verlangen.

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