Der kleine Morth (lxxxvi)

Der Höhepunkt der darauffolgenden Woche war der erneute Besuch bei Dr. Roh. Der Seelenkundler hatte sich ein Spiel ausgedacht. Er spielte Morth und Morth sollte Sue spielen. Das Drehbuch des sich über eine knappe Stunde erstreckenden Stücks bestand zu großen Teilen aus Belanglosigkeiten und sexuellen Anspielungen. Morth verzichtete darauf, sich in die reale Sue hineinzuversetzen. Stattdessen manifestierte er sein Wunschbild: freizügig, spontan, dauergeil. Dazu kam noch eine Prise dessen, was er für geistreich hielt: Witz und Schlagfertigkeit. Schließlich war er sich durchaus bewusst, dass es mehr bedurfte als große Möpse und feuchte Lippen, um über einen gewissen Moment hinweg eine erotische Wirkung zu erzielen.
Roh schien das Spiel zu mögen. Auch er ging in der Rolle des Morth ganz auf. Er zeichnete einen narzisstischen, leicht paranoiden Mann, der vom Leben von der eitlen Betrachtung des eigenen Spiegelbilds weggerissen zwanghaft aber größtenteils unbewusst nach Orientierung sucht und diese immer wieder nur zwischen den Beinen einer Frau zu finden scheint.
Die Aufführung gipfelte in einem letzten, natürlich nur verbal vollzogenen Akt und einer Trennung, die Dr. Roh alias Morth damit rechtfertigte, dass er sich neu erfinde müsse, Sex ihm dabei nur ihm Weg stünde und er in Sues Gegenwart meist aber an nichts anderes denken könnte.
“Meinen sie das ernst?,“ fragte Morth während er im Anschluss an die Sitzung seine Jacke überstreifte. „Steht mir Sex nur im Weg?“
“Sex und Aggression,“ antwortete Roh lapidar und verabschiedete sich dann bis zur kommenden Woche.

Sex und Aggression, schoss es Morth den ganzen restlichen Tag durch den Kopf. Er kannte die Formel natürlich von seiner rudimentären Lektüre des Buchs „Freud für Angeber“, das er vor Jahren einmal überflogen und dessen Inhalt ihn bisher durch alle einschlägigen Diskussionen getragen hatte. Richtig nachgedacht hatte er bisher über dieses Begriffspaar nicht. Jetzt aber nach Rohs Diktum kam ihm das Ganze wie der Schlüssel zu seinen Problemen vor. Sex und Aggression. Dass er darauf nicht früher gekommen war!
Diese Erkenntnis beglückte Morth ungemein. Er fühlte sich für ein paar Stunden leicht und jung. Sein Leben war wieder in eine Umlaufbahn eingeschwenkt und kreiste nun friedlich und in sicherem Abstand um ein Zentralgestirn, auf dem in großen, leuchtenden Lettern „Sex und Aggression“ flammte.
Kurz überlegte Morth, ob er seine gute Laune und die Frische der Einsicht nutzen und mit Sue reden sollte. Er hätte es so wie im Rollenspiel anlegen können. Die richtigen Worten waren ihm noch präsent und er sah nichts, was Sue dagegen hätte sagen können. Wenn sie ihn nur ein wenig liebte, würde sie ihn gehen lassen. Jemand wie er konnte sich nicht von seinen Trieben in Gefangenschaft halten lassen. Das würde sie schon einsehen, war sich Morth sicher.

Später jedoch entschloss er sich, das Handy schon in der Hand, Sue Nummer schon auf dem Display, anders. Er hatte keine Lust auf schlechte Stimmung. Vielmehr verlangte es ihn nach Kuchen und Kaffee, Johannisbeere vielleicht, und einen Likör. Fröhlich ausschreitend ging er in Richtung des Hauptbahnhofs und betrat schließlich das Cafe Prinkler. Ein Tisch am Fenster war gerade frei geworden und Morth setzte sich. Der Bedienung schenkte er ein liebevolles Lächeln und mit sanfter Stimme gab er seine Bestellung auf.

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