Der kleine Morth (lxxxiv)

Schon zwei Tage später saß er wieder bei Dr.Bert Roh. Er wusste noch immer nicht so recht, was er von dem Mann wollte und ob man ihm überhaupt einigermaßen vertrauen konnte. Der Punkt war aber, dass er sonst auch nichts mehr wusste und irgendetwas ihm den Eindruck vermittelte, als könnte der Doktor ihm beibringen, was sicher war, woran er sich halten konnte. Wenigstens wäre er so ehrlich, mir zu sagen, wenn es da nichts gäbe, hoffte Morth.
“Wissen Sie,“ fing er an, „seit dem letzten Mal bei Ihnen habe ich ein wirklich schlechtes Gewissen.“ Er machte eine Pause, wollte, dass der andere fragt, warum und wieso. Roh aber sagte nichts, nickte nur und schwieg auch. Zumindest stand er nicht wieder auf, um Musik anzumachen.
“Mein schlechtes Gewissen kommt daher, dass ich mir ihnen Dinge bespreche, die ich Sue gegenüber niemals äußern würde. Dinge, die sie ja nun auch etwas angehen. Schließlich haben wir vor ein paar Tagen … „ Roh hielt zwei Finger gestreckt in die Luft. „Vor zwei Tagen also haben wir fast nur über sie gesprochen und ich frage mich, warum ich das alles nicht gleich mit ihr kläre.“
“Sind sie schon einmal fremdgegangen?,“ wollte Roh wissen. Morth nickte.
“Sehen sie. Das ist auch nichts anderes hier,“ stellte der Doktor fest. „Ich gebe ihnen hier etwas, was ihnen ihre Freundin nicht geben kann. Mit ihr wollen sie bumsen und mir reden. So ist das eben.“
“Machen sie es sich da nicht ein wenig einfach?,“ setzte Morth nach. Er wollte sich nicht zu billig abspeisen lassen. Trotzdem hatte ihm das, was der Doktor gesagt hatte, eingeleuchtet.
“Man kann es sich gar nicht zu einfach machen, mein Lieber,“ stieß Roh hervor. „Alles muss immer schwer sein und tief und dunkel. Die Deutschen sind die geistigen Steinkohlekumpel dieser Welt. Sie bohren und bohren und müssen schließlich teuer dafür bezahlen.“ Roh beruhigte sich und ließ seinen Körper wieder in eine entspannte Sitzhaltung gleiten. „Zurück zu ihnen!“
“Zu mir, ja. Das ist gar nicht so einfach, wissen sie. Ich bin gerade im Wandel. Vor ein paar Wochen war ich noch Künstler, Maler. Davor war ich gar nichts, Sohn, abhängig, Konsument. Dann war ich Maler. Das heißt, gemalt habe ich vorher auch schon, nur habe ich nichts verkauft. Und, ganz ehrlich, Maler kann man sich erst nennen, wenn man etwas verkauft. Oder? Der Markt macht’s.“
“Warum haben sie denn aufgehört?,“ wollte Roh wissen.
“Ich war einfach zu erfolgreich. Es war gespenstisch. Jeden Scheiß hätte ich verkaufen können. Ich will das nicht. Ich will das überhaupt alles nicht mehr. Keine Märkte, keinen Konsum, keine Kunst.“
“Was würde sie jetzt malen, wenn sie malen müssten?,“ fragte Roh.
“Nichts,“ antwortete Morth.
“Solange sie es signieren, ist das doch völlig in Ordnung,“ sagte Roh und Morth wusste nicht, ob er diese Bemerkung witzig finden sollte oder nicht.
Er schichtete noch einige Bemerkungen bezüglich seines früheren Wunsches berühmt zu werden übereinander – wie verblendet er doch gewesen sein musste –, dann war die knappe Stunde bei Bert Roh schon wieder zu Ende. Morth versuchte im Hinausgehen noch ein paar persönliche Bemerkungen. Daran schien der Doktor aber kein Interesse zu haben. Das einzige, was er wissen wollte, war, ob Morth plante wiederzukommen.
“Klar. Ich rufe sie an,“ sagte Morth.

Er ging anschließend zu Fuß zur „Frühlingslinde“, um sich bei Peter wegen der Wohnung zu erkundigen. Und tatsächlich! Die alte Frau Cecic war gestorben. Gleich gegenüber stand nun eine Zweizimmerwohnung leer. Bezug ab sofort und Peter hatte sogar die Telefonnummer des Vermieters.
Sie tranken einen zusammen. Dann sagte Morth „Danke“ und „Tschüß, bis bald“ und ging dorthin zurück, wo er bisher zuhause war.

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