Der kleine Morth (lxxxiii)

„Dr.Bert Roh – Seelenkunde“ stand auf dem Schild neben der Türklingel. Sonst deutete nichts darauf hin, dass es sich hier um eine Praxis handeln könnte. Ein Eindruck, der sich im Inneren des Hauses und auch der Wohnung, denn um nichts anderes handelte es sich, bestätigte.
Dr.Roh begrüßte Morth persönlich. Er war ein ungepflegter Mann in fortgeschrittenem Alter, wirkte selbstsicher und ruhig. Sein grauer Vollbart verlieh seinem Gesicht den Rahmen, den es brauchte, um Würde und Autorität auszustrahlen.
“Schön, dass sie so schnell Zeit für mich hatten,“ begann Morth freundlich. „Ich hatte gedacht, dass ich länger auf einen Termin warten muss.“
“Naja, zur Zeit läufts bei mir nicht so,“ eröffnete Roh mit seiner leicht nöligen Stimme, die im Gegensatz zu seinem Äußeren eher an einen Freak als einen seriösen Arzt denken ließ. Morth wurde misstrauisch. Zu gern hätte er gewusste, welche Art von Doktor Roh war.
“Bitte,“ sagte Roh und wies auf einen breiten, grünen Sessel, dessen durchgesessene Sitzfläche willig unter Morths Körpergewicht nachgab. „Sie fragen sich vielleicht, mit welcher Art von Seelenkundler sie es zu tun haben und warum ich mich nicht Psychologe nenne. – Nun: Meinen Titel habe ich in Philosophie erworben. Das ist aber schon lange her. Ich habe in der DDR studiert. Hegel, Marx, Lenin, derartiges. Die Seelenkunde kam später und ich habe mir einiges im stillen Kämmerlein, anderes durch Beobachtung und den Rest in unzähligen Gesprächen beigebracht. Ich meine, diese Herangehensweise ermöglicht es mir, die Lebenssituation meiner Klienten flexibeler und realistischer einzuschätzen, als dies meinen akademischen Kollegen in der Regel möglich ist. Können Sie mir folgen?“
“Solange ich nicht ihr Jünger werden muss, ja,“ nickte Morth schmunzelnd.

„Gut, dann schießen sie mal los!“
Morth wusste nicht so recht, was von ihm erwartet wurde. Er fing bei seinen körperlichen Beschwerden an, erzählte vom Schwindel und den anstrengenden Zuständen, die ihn von Zeit zu Zeit heimsuchten. Roh hörte dem scheinbar völlig desinteressiert zu. Ja, er stand sogar auf und machte eine CD mit tibetanischer Mönchsmusik an, als wollte er Morth signalisieren, dass er doch mal zum Kern kommen sollte. „Was mache ich hier nur? Was für ein seltsamer Typ,“ dachte Morth.
Dann berichtete er von seinem Verhältnis zu Sue. Es fiel ihm auf und erstaunte ihn, dass er gerade damit begann.
“Ich fühle mich so, als müsste ich mich immer ganz hinten einreihen, Doktor. Vor ein paar Wochen hat mir das gar nicht ausgemacht. Da war mir das ganz recht so. Aber heute nicht mehr. Sue scheint alles wichtiger zu sein. Erst die Reagenzgläser, dann die Bakterienstämme, dann die Schimmelsporen, ein paar Gräserpollen – „
“Ja, ja ich weiß schon, worauf sie hinaus wollen. Genug. Das bürgerliche Dilemma in klassischer Ausprägung,“ murmelte Roh dazwischen.  „Weiter! Was denken sie sonst noch über sie?“
“Naja,“ sagte Morth, verunsichert durch den Einwurf des Doktors, „ich finde sie immer noch scharf, aber irgendwie dringt das nicht mehr durch. Es steht nicht mehr im Mittelpunkt. Verstehen sie? Außerdem beschleicht mich das Gefühl, dass ich immer für alles bezahlen muss. Es ist wie ein Fluch. Die Frauen, mir denen ich es bisher zu tun hatte, haben immer Bilanz gezogen und mir, wenn es so weit war, die Rechnung präsentiert. Bei Sue ist dieser Zeitpunkt auch bald gekommen, glaube ich. Und ich warte die ganze Zeit darauf, zwanghaft. Seit ich ihr gesagt habe, dass ich sie wirklich liebe, warte ich darauf. Oh Mann! Ganz schön schräg, was?“
Roh zuckte mit den Schultern. „Geht so,“ sagte er. „Wie haben sie sich denn kennen gelernt?“
Morth erzählte und nach einer knappen halben Stunde, erklärte der Doktor die Sitzung unvermittelt für beendet. „Wollen sie noch mal wiederkommen?,“ wollte er bereits im Türrahmen stehend wissen. Morth nickte.

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