Der kleine Morth (lxxix)

Die Minuten plätscherten dahin. Die Anspannung wich allmählich aus seinen Knochen. Dieser Anfall war ziemlich harmlos an ihm vorüber gegangen. Wassertropfen kondensierten an der Außenseite des Glases mit dem Orangensaft. Die Wanduhr tickte leise. Dann näherten sich seine Finger langsam dem Umschlag.

Er wurde unterbrochen und war sehr, sehr glücklich darüber. Es handelte sich um einen Anruf von Sue. Sie wollte nur kurz wissen, wie es ihm ging und er ergriff die Gelegenheit beim Schopf, ihr ausführlich die Ereignisse der vergangenen Tage zu schildern. Den Brief erwähnte er nicht. Das hatte Zeit, bis er wusste, was darin stand, was sein Vater von ihm wollte.

Ja, was wollte sein Vater, fragte sich Morth. Was konnte er schon wollen? Erwartete er einen Besuch des nun in der Gesellschaft angekommenen Sohns in Afrika? Wollte er mit ihm angeben? Morth spürte förmlich die kräftige, schwere Hand des Vaters auf seiner Schulter ruhen. „Das ist mein Sohn Viktor aus Deutschland. Er ist Kunstmaler. Erfolgreich,“ hörte er die kräftige, schwere Stimme sagen. „Viktr,“ würde sie sagen und „Viktrchen,“ wenn es ganz schlimm kam.

„Wollen wir uns heute Abend sehen?,“ fragte Sue.

„Ich weiß noch nicht. Lass uns später noch mal telefonieren. Ja?,“ antwortete Morth unbestimmt.

„Später ist schlecht. Entweder wir treffen uns später oder ich gehe mit einer Freundin von der Uni aus. Tanzen. Ich weiß nicht, wie lange ich nicht mehr tanzen war. Ich komme ja vor lauter Uni zu nichts mehr.“

„Geh ruhig tanzen. Wird dir bestimmt gut tun. Wo geht’s denn hin?,“ meinte Morth.

„Ach, Tina, kennt immer die angesagtesten Schuppen. Ich folge ihr einfach. Dann bis morgen, mein Süßer. Ich rufe dich an, wenn ich verkatert zwischen meinen zwei Lovern aufwache.“

„Wehe,“ lachte Morth.

Der Inhalt des Briefs fiel dann doch völlig anders aus als erwartet. Schlimmer. Sein Vater schreib ihm, wie stolz er auf ihn sei. Das ganze „kultivierte“ Afrika spräche von ihm. Er selbst sein schon von einem Reporter der Johannesburg Art Krant telefonisch interviewt worden.

„Wenn ich ganz ehrlich bin,“ schreib Morths Vater weiter und spätestens hier wurde ihm klar, dass das dicke Ende noch kommen würde, „habe ich die ganzen Jahre darauf gewartet, dass mein Sohn aufwacht und etwas aus seinem Leben macht, einen aufrechten Gang entwickelt, seine Ziele mit Konsequenz verfolgt.

Ich bin unheimlich stolz darauf, mein Sohn, dass ich Dich endlich in die Selbständigkeit entlassen kann. Du hast Deinen alten Vater, der nicht immer der beste aller Väter war, sehr glücklich gemacht. Dafür gehört Dir mein Dank.

Natürlich werde ich Dich in Zukunft nicht mehr mit meinen Schecks demütigen. Du wirst ja bald mehr Geld haben, als Du jemals brauchst.

Bitte komme uns doch recht bald einmal besuchen, wenn es Deine nun so kostbar gewordene Zeit es zulässt. Liebe Grüße. Dein Paps.“

Morth schlug die Hände vors Gesicht. Kein Geld mehr aus Afrika. Diese Zukunft hatte ihm sein Vater zugedacht. Panisch überlegte er, wie lange sein Geld noch reichen würde. Ein Jahr, zwei? Ihm wurde schlecht. Würde er arbeiten müssen? Eins stand jedenfalls fest. Er würde keinen Pinsel mehr anrühren und wenn er verhungern müsste.

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2 Gedanken zu “Der kleine Morth (lxxix)

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