Der kleine Morth (lxxviii)

Morth rieb sich die Hände. Wenn nur alles im Leben so einfach ginge, wie sich von Menschen zu trennen! Als Nächster war sein Bruder Tom dran. Er wollte ihn zum Mittagessen im Don Carlos treffen, aber Tom kam nicht. Auch nach einer Stunde Wartezeit erschien sein Bruder nicht. Nicht, dass sich Morth Sorgen machte deswegen, sollte der Kerl doch bleiben wo er war, er ärgerte sich nur um die vertane Zeit.

Wenigstens waren seine Wachteleiravioli köstlich gewesen und die indiskreten Geschichten, die ihm Timeo dabei zugeraunt hatte, unterhaltsam. Dennoch trübte Toms Fernbleiben Morths Stimmung. Auf eine merkwürdige Art fühlte er seine Autorität angekratzt.

Als er das Don Carlos gerade verlassen wollte, erhielt er eine SMS seines jüngeren Bruders. „sorry! konnte nicht. war down. Hast du heute schon post bekommen? cu tom“

„Post? Was will der denn?,“ dachte Morth. „Idiot!“ Er hatte schon lange keine Post mehr bekommen. Zumindest keine Briefe. Rechnungen vielleicht und Werbung. Aber seit der Erfindung des Internets hatte ihm sicher niemand mehr einen Brief geschrieben. Wozu auch?

Er trottete mit gefülltem Magen und bester Laune nach Hause. Auf dem Weg schaute er den jungen Dingern nach, die das schöne Maiwetter nutzten, um mit ihren kurzen Röcken und tiefen Ausschnitten die Männer verrückt zu machen.

Was er in seiner Wohnung wollte, wusste er nicht. Etwas hinlegen, Immobilienanzeigen im Netz anschauen, Fernsehen, so was.

Tatsächlich aber hatte er an diesem Tag einen Brief in seinem Briefkasten liegen. Er zog ihn zusammen mit der Reklame vom Baumarkt heraus. Eine fremdartige Marke klebte darauf und er erkannte die Handschrift sofort. Sein Vater hatte ihm geschrieben. Morth schwante nichts Gutes, als er mit dem Umschlag in der Hand die Treppenstufen hinauf stieg.

Oben angekommen, legte er den Brief zunächst auf den Küchentisch und goss sich ein großes Glas O-Saft ein. Er spürte die Unruhe in ihn einkehren. Seine Knie wurden weich und die Innenflächen seiner Hände feucht. Noch konnte er klar denken. „Lass mich doch einfach in Frieden,“ flehte er in Richtung des Papiers, das da lag und wartete. Er setzte sich, um etwas Halt zu finden.

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3 Gedanken zu “Der kleine Morth (lxxviii)

  1. Ha! Sich von seinem Bruder trennen – das soll EINFACH sein? Mir scheint, der Satz stammt von einem Einzelkind! – Ansonsten finde ich den Text ganz hervorragend! Zumal der Brief vom Vater das familiäre Motiv ja auf sehr viel realistischere Art und Weise wieder einführt … ich werd mir heute mal Wachteleiravioli zu Mittag gönnen!

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