Der kleine Morth (lxxv)

Morth setzte sich auf die Bettkante. Das Licht im Zimmer war dämmerig. Staub tanzte in einem Streifen Helligkeit, der zwischen den Samtvorhängen hindurch drang. In der Wohnung nebenan weinte eine Frau laut und vernehmlich.

„Ich weiß manchmal nicht mehr, dass ich es bin, den ich aus meinem Mund sprechen hören,“ sagte Morth.

„Das erinnert mich an ein altes Lied,“ murmelte Karla verschlafen.

„Kann sein,“ gab Morth zurück und stand auf. „Danke für den Kaffee, Karla.“

In der kleinen Bäckerei bei Karlas Wohnung stellte er sich an einen der Stehtische und aß einen Krapfen. Kühle Marmelade rann ihm in den Mund. Er fragte sich, ob das jetzt so weiter ginge. Mit ihm. Er hatte nichts mehr zu tun. Früher, wenn er nichts zu tun hatte, war er malen gegangen. Was bleib ihm jetzt noch übrig?

Die Bäckersfrau klappte die Scheiben der Ablage hoch, um die Innenseiten zu reinigen. Die bunte Schürze, die sie trug, bewegte sich, während sie den Lappen über dem Glas kreisen ließ, rhythmisch um die starken Hüften und den prallen Hintern.

Neben der Tür war ein Ständer für die üblichen Schmierblättern angebracht. Auf einer der Zeitungen stand in großen Lettern: Deutsche bringt Blutopfer für Afrika.

Morth musste schmunzeln. Die Absurditäten des Lebens waren wirklich unerschöpflich. Er konnte Menschen nicht verstehen, die sich einbildeten, schon alles gesehen und gehört zu haben. Die Verallgemeinerer, die meinten, gleichgültig durchs Leben schreiten zu können. Ihm kam es vor, als gäbe es jeder Tag eine neue Vorstellung mit neuen Darstellern auf neuen Bühnen. Vielleicht lag das aber auch nur daran, dass es Morth an der Gabe der Abstraktion mangelte.

„Was halten sie davon?,“ wollte er, und dabei deutete er auf den Zeitungsständer, von der Verkäuferin wissen.

„Schrecklich, nicht?,“ kam von ihr eine Rückfrage, auf die er nicht recht zu antworten wusste. Er kannte die Geschichte ja nicht. Schließlich sagte er verächtlich: „Diese Leute müssen sich auch in der ganzen Welt herumtreiben.“

Die Frau reagierte nicht mehr darauf und so verließ Morth den Laden. Der süße Geschmack des Krapfens haftete an seinen Zähnen.

Am Abend traf er Sue im Raw Fish zum Abendessen. Den rohen Fisch spülten sie mit ordentlich Sake hinunter. Sie erzählte von ihrer Schwester, die am Tag zuvor ihr drittes Kind bekommen hatte. Morth versuchte sich krampfhaft an den Namen der Schwester zu erinnern. Es gelang ihm nicht.

„Wenn ich an der ihren Stress denke, bin ich sehr froh, dass wir hier so in Ruhe sitzen können. Freiheit ist doch so wertvoll,“ sagte Sue.

„Freiheit?,“ fragte Morth. „Was meinst du damit? Dass man keine Kinder hat oder was?“

„Ja, zum Beispiel,“ gab Sue eindeutig zurück. „Ist das nicht wunderbar?“

Morth steckte sich ein Stück Lachs in den Mund. Für Sue schien alles so einfach. Manchmal bewunderte er sie dafür.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s