Der kleine Morth (lxxiv)

Er inhalierte tief, trat die Kippe auf dem Bürgersteig aus und wusste nicht so recht wohin. Nach einigem Zögern entschloss er sich, Karla einen Besuch abzustatten. Er konnte die Nähe einer Frau gut gebrauchen und Sue war ja beschäftigt. Ihr reserviertes Verhalten in den letzten Tagen und das ganze Afrika-Ding, das bei ihr anstand, machten ihn wütend. Seit sie aus New York zurück waren, verhielt sich Sue merkwürdig. Hatte er ihr nicht sein ganzes Leben zu Füßen gelegt? Und der Dank? Sie hatten seit Tagen keinen Sex mehr gehabt.

Karla hatte in der vergangenen Nacht einige Gäste bewirtet. Ihr Gesicht sah aus, wie auf einem Bild von Toulouse-Lautrec. Sie mochte sich nicht im Spiegel ansehen. Ihr Alter und die Anstrengung, Männer glücklich zu machen, hatten deutliche Spuren hinterlassen. Mit der ersten Tasse Kaffee des Tages in der Hand machte sie Morth auf. Es war gegen Drei.

„Na, Süßer, ist das nicht ein bisschen früh für einen Besuch bei mir?,“ fragte sie mit ihrer tiefen, verrauchten Stimme. Ihr Morgenmantel ließ den Ansatz ihrer Brüste frei. Sie trug sonst nichts, war ungeduscht und strömte die Lust der Nacht aus. „Lass mir doch etwas Zeit, mich frisch zu machen. Ich hatte gestern ein paar wirklich anspruchsvolle Gäste hier.“

„Keine Sorge,“ sagte Morth. „Ich dachte nur, dass ich bei dir einen Kaffee bekommen könnte.“

„Bin ich ein Cafe?,“ protestierte Karla, gab aber den Weg in ihre Wohnung frei.

„Danke.“ Morth trat ein.

In der Küche schenkte ihm Karla eine Tasse ein und ließ sich auf einen der Rokokostühle fallen. „Was ist denn los? Kann ich was für dich tun?“

Da war sie wieder, die warmherzige Karla. Morth entspannte sich. Dann erzählte er ihr, was seit seinem letzten Besuch in Begleitung von Trend Fuller passiert war. Karla massierte sich die Schläfen, als er fertig war.

„Magst du vielleicht ein bisschen zu mir ins Bett?,“ bot sie an. „Ich kann noch Schlaf vertragen und du kannst dich ausruhen. Wird uns beiden gut tun.“

Sie stand auf und streifte im Hinausgehen sanft über Morths Kopf. Der erschauderte leicht, blieb aber sitzen. „Wird uns beiden gut tun,“ wiederholte er leise. Das Uns berührte ihn seltsam. Aus dem Schlafzimmer hörte er, wie sich Karla unter die schwere Decke schob. Dann ging er hinüber.

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