Der kleine Morth (lxxii)

Im Bett liegend hatte Morth das Gefühl davonzuschwimmen. Über ihm hingen dunkle Wolken, aus denen es Vorwürfe regnete und unter ihm die unergründliche, graue See. Sue tauchte daraus auf,  nackt, mit Brustwarzen, die hart waren wie Bonbons, vermochte ihn aber nicht  zu trösten. Das Bett war eine Luftmatratze, löchrig, kreischend bunt. Morth versuchte mit den Händen die Löcher zuzuhalten. Er kam sich reichlich albern dabei vor und doch musste er es tun, um nicht unterzugehen. Bald war aus der prallen Unterlage ein labbriger Plastikstreifen geworden, der Morth nicht mehr trug. Das Meer zog ihn hinab, aber er ertrank nicht. Dafür spürte er die Strömung, als würde sie durch ihn hindurch gehen, als hätte er seine Substanz verloren. Er hörte Sue vom Boden des Luftmeeres reden. Hochhäuser standen wie längst versunkene Ruinen einer untergegangenen Zivilisation um ihn herum. Er trieb in ihrem Schatten vorbei. Fuller war in seinem Kopf. Er redete, aber Morth verstand seine Worte nicht, nur die Bedeutung. Es war seltsam.

Er war froh, als er aufwachte und sich nach einigen Sekunden klar darüber wurde, dass er geträumt hatte. Die Sonne kroch draußen langsam über den Horizont. Er fühlte sich wie ausgekotzt.

In der Küche stand noch eine halb volle Tasse mit kaltem Kaffee. Er schüttete sich das drei Tage alte Gebräu gierig hinein und die Bitterkeit ließ in kurz zusammenfahren. Dann war er wach und sich im Klaren, dass er Sue endlich erreichen musste. Sie wusste wahrscheinlich noch immer nichts von Stiefers Unfall. Zur Not würde er zu ihr fahren. Diese Vorstellung begeisterte ihn nicht gerade und fast hätte er sich resigniert wieder ins Bett verkrochen.

Er hatte Glück. Sie ging ans Telefon. Verschlafen klang sie und entspannt. Morth zögerte, sie mit schlechten Nachrichten zu belästigen. Letztendlich hatte sie ja mit Stiefer nichts zu tun gehabt. „Aber mitgefangen, mitgehangen,“ dachte er und erzählte ihr das Wenige, das er über Steifers Tod wusste.

„Boah,“ machte Sue am anderen Ende der Leitung. „Schöne Scheiße!“

„So ähnlich habe ich das auch ausgedrückt,“ sagte Morth.

„Wie geht’s jetzt weiter?,“ wollte Sue wissen.

„Keine Ahnung. Wie soll es schon weiter gehen? Stiefer ist tot. Das ist alles. Schlimm genug. Er war ja kein ganz verkehrter Kerl. Irgendwie habe ich ihn sogar gemocht. Ein Verlust für die Kunstwelt. Sicher. Aber dieser Welt gehöre ich nicht mehr an,“ führte Morth aus, um Sue dann zu erzählen, dass er von ihr geträumt hatte. Sie schien wenig beeindruckt und fragte nicht einmal nach, worum es in Morths Traum gegangen war und welche Rolle sie dabei gespielt hatte. Irgendwie erschein sie Morth in letzter Zeit unkonzentriert oder viel mehr uninteressiert.

Dazu passte, dass sie abrupt das Thema wechselte und ihm von ihrer nächsten Forschungsreise erzählte. Diesmal sollte es nicht für ein paar Tage nach Bayern, sondern für einen ganzen Monat nach Uganda gehen. „Afrika,“ stöhnte Morth innerlich.

„Schön,“ sagte er. „Freut mich für dich. Echt. Wann geht’s denn los?“

„Nach dem Semester, in acht Wochen,“ antwortete sie. „Bis dahin müssen wir noch eine Menge erledigen. Ich werde viel an der Uni sein. Naja.“

„Naja,“ echote Morth.

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