Der kleine Morth (lxxi)

Das saß. „Scheiße, Scheiße, Scheiße,“ murmelte er noch ein paar Mal vor sich hin. Wie ein unheilschwangerer Ballon blähte sich in ihm die Tatsache zu voller Größe auf, dass Stiefer tot war und dass er zumindest nicht ausschließen konnte, dabei anteilig verantwortlich zu sein. Er meinte ersticken zu müssen. Stiefers gerötetes, erregtes Gesicht grub sich in seine Erinnerung ein. Seine letzten Worte klangen in seinen Ohren. Er musste plötzlich schmunzeln. „Leck mich doch am Arsch! Du wirst schon sehen,“ waren echt coole letzte Worte, fand Morth. Besser zumindest als „Schwester, können sie das Fenster bitte öffnen“ oder „Seltsam, aber irgendwie bekomme ich gerade keine Luft mehr“.

Er versuchte Sue anzurufen. Sie ging nicht ran. Der Drang sich mitzuteilen war unwiderstehlich und so wählte Morth Tills Nummer. „Können wir uns früher treffen?“ fragte er. „Ich muss mit dir reden.“

„Oha, das klingt ja dramatisch,“ sagte Till. „Komm doch einfach bei mir vorbei. Ich arbeite gerade, aber du störst nicht weiter.“

„O.k., ich mach mich gleich auf.“

Till nahm die Geschichte, die ihm Morth erzählte, wie eine weitere der unzähligen Freakstories auf, die er selbst schon erlebt hatte oder andere. Schräg, abgefahren, fiel ihm dazu ein. Darauf, dass die Sache Morth wirklich nahe ging, kam er nicht.

Dafür fingen sie nun schon am Nachmittag an zu trinken. Till hatte noch eine Flasche Grappa im Haus. Morth war es am Ende recht so. Was sollten sie schon reden?

Irgendwann redeten sie gar nicht mehr, sondern hörten mit voller Lautstärke irgendetwas vom Ende des 19.Jahrhunderts. „Die Musik für den Film, den du da gerade erlebt hast,“ meinte Till noch, als er die CD in den Player geschoben hatte. Um sechs war die Flasche leer und Morth holte das Koks raus.

Später gingen sie noch ins Crack. Da war aber nichts los und so endete der Abend früher als erhofft. Keiner von beiden hatte Lust gehabt, sich billigen Easy Listening Kram, aufgelegt von einem pubertierenden DJ, in einem halb leeren Club anzuhören.

Auf dem Nachhauseweg, als Till längst sonst wohin verschwunden war, kam die Geschichte mit Stiefer zurück. Morth musste sich seinen zerschundenen Körper eingeklemmt in der verbeulten Karosserie eines Autos vorstellen. Blut lief aus den Türen. Ströme von Blut und Wunden, wie sie Morth gemalt hatte, bedeckten die Leiche. Schöne Sauerei.

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