Der kleine Morth (lxix)

Sie fuhren gemeinsam zu Morths Wohnung. Unterwegs unterhielten sie sich kopfschüttelnd über Stiefers Abgang. So hatte sich Morth den Abend nicht vorgestellt. Er hatte mit Streit gerechnet, ja, mit Vorwürfen, Versuchen ihn umzustimmen, aber dass sein Förderer ihn quasi mit einem Fluch belegen würde, das hatte ihn  dann doch überrascht.

Morth fiel außerdem auf, dass sich Sue nicht explizit auf seine Seite stellte. Von ihr kam nichts in der Richtung ‚Du hast schon recht’ oder ‚Ich kann dich verstehen’. Dabei hätte Morth jetzt gut einen solchen moralischen Schulterschluss brauchen können.

Sue zeigte lediglich ihre Verwunderung über die Heftigkeit von Stiefers Ausbruch, hielt sich aber ansonsten mit einer eigenen Meinung zu Morths Entschluss zurück. Das verunsicherte ihn und er wagte nicht danach zu fragen. Für heute war es genug.

Zuhause angekommen legten sich die beiden vor die Glotze und ließen sich berieseln. In solchen Momenten war, fand Morth, ein Fernseher unbezahlbar. Was hätten sie sonst machen können?

Am nächsten Morgen stand Sue sehr früh auf, weil sie dringend in die Uni musste. Ihr Professor plante das nächste Forschungsprojekt und sie sollte federführend daran teilnehmen. Sie war ganz hippelig und redete wirres Zeug von Karrieren und Chancen. Morth ließ es über sich ergehen und freute sich darauf, bald allein zu sein. Er sehnte sich nach Ruhe und einem sinnlos vergeudeten Tag.

Als Sue aus der Tür war, legte er sich wieder ins Bett, onanierte, wischte sich am Bettzeug ab und schlief noch mal ein.

Gegen Mittag stand er endlich auf und ließ sich ins Don Carlos fahren. Timeo grüßte freundlich und die Pasta schmeckte vorzüglich. Morths Stimmung war blendend. Es kam ihm vor, als wäre eine Zentnerlast von seinen Schultern genommen. Dass die Malerei und das Streben nach Anerkennung eine solche Bürde gewesen war, erschien ihm neu. Bisher hatte er immer vermutet, dass seine akuten Unruhezustände und seine chronische Unzufriedenheit ihre Ursachen in der Welt, wie sie sich ihm darstellte, hatten. Jetzt aber meinte er, vor einem Teller köstlicher Puttanesca sitzend, dass sich seine Probleme erledigt hätten, ohne dass er gleich die ganze Welt oder sich selbst hatte abschaffen müssen.

Er trank sein Glas leer und schon stand Timeo hinter ihm und schenkte ungefragt nach. Es hätte alles gar nicht besser sein können.

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