Der kleine Morth (lxviii)

Stiefer schien nicht annähernd so erstaunt, wie es Morth erwartet hatte. Wahrscheinlich war der alte Hase solche Zustände von vielen Künstlern her gewohnt.

„Nun mal halblang!,“ nuschelte er und wischte sich gleichzeitig mit einer riesigen, orangefarbenen Serviette den Mund ab.

„Habe ich Dir mal von Chloe erzählt? Nein? Sie war eine meiner ersten Entdeckungen. Muss so Anfang der 70er gewesen sein. Es ging um Kunst aus Abfall. Genauer gesagt, sammelte Chloe alles, was Musiker damals so wegwarfen. Sie war nämlich lange Groupie und saß damit direkt an der Quelle. Gitarrensaiten, Jointstummel, blutige Unterhemden, so Zeug. Ein Kritiker hat mal geschrieben, sie hüte die Erinnerung ihrer Generation. Naja. Lustig war, dass sie eigentlich ein süßes Hippiemädchen war, Batik, Räucherstäbchen, grausam eigentlich. Sie musste aber eine Glatze tragen, weil sie eine Haarallergie hatte. Sie war tatsächlich gegen ihr eigenes Haar allergisch. Stellt euch das mal vor!“ Morth und Sue mussten lachen. Die Stimmung am Tisch lockerte sich.

„Aber das wollte ich gar nicht erzählen,“ fuhr Stiefer fort. „Eines Tages kam Chloe nach einer anscheinend recht fröhlichen Partynacht zu mir und meinte, sie hätte sich verliebt und könne nicht mehr mit jedem Rockertypen abzischen. Folglich war auch ihre Kunst für den Arsch. Wie sollte sie sonst an ihr Material kommen? Das leuchtete mir ein und romantisch wie ich damals war, meinte ich nur, dass sie glücklich werden sollte und so weiter. Aber wisst ihr, was dann passiert ist? Ihr neuer Kerl, der sie auch tatsächlich heiratete nahm sie mit in die Staaten und offenbarte ihr dort, dass er in irgendeiner Sekte war. Und Chloe, das arme Ding, ist mit ihm doch wirklich nach Montana gezogen, auf eine Ranch, wo lauter Sektenheinis lebten. Drei Monate später hat einer von denen nachts das Farmhaus angezündet, weil er meinte, damit Licht ins Dunkel zu bringen oder so was. Tja, und Chloe ist mit zwanzig anderen Freaks verbrannt. Mann, war das traurig.“

„Warum erzählst du uns so was?,“ wollte Morth wissen. „Ich bin in keiner Sekte. Du vielleicht, Sue?“ Sue schüttelte den Kopf. „Und ich habe auch noch alle Haare auf dem Kopf,“ witzelte sie.

„Warum ich euch das erzähle?“ murmelte Stiefer im Gestus eines Orakels. „Das liegt doch auf der Hand. Wenn du Künstler bist – und von Dir, Vik, nehme ich das an – solltest du dabei bleiben, sonst passieren schlimme Dinge.“

Morth schaute Sue an. Sue Morth. Dann prusteten beide los, als hätte Stiefer gerade einen echten Knallerwitz erzählt. Sie bekamen sich überhaupt nicht mehr ein und von den Nachbartischen wurde schon streng herüber geblickt.

Stiefer fand das überhaupt nicht lustig. Er schmiss seine Serviette auf den Tisch und sprang hoch. „Leck mich doch am Arsch! Du wirst schon sehen,“ schrie er und stürmte davon. Es wurde still. Die beiden blieben betreten zurück. Dann winkte Morth schließlich nach dem Kellner und verlangte die Rechnung.

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