Der kleine Morth (lxvii)

Und dann saßen die, Sue und er, mit Stiefer zusammen vor ihren überdimensionierten, leicht blutenden Steaks. Morth ekelte sich, schnit aber tapfer Stück um Stück ab und steckte es sich in den Mund. Die zähe, feuchte Masse gab nur widerstrebend seinen Kaubemühungen nach. Mit einem Schluck harzigen Rotweins spülte er den Bissen hinunter. Dieses Lokal würde er nicht empfehlen. Stiefer schaute auch nicht gerade begeistert. Das, was hier für die Deko ausgegeben worden war, hätte man besser in einen anständigen Koch und einen guten Weinkeller investiert. Aber Morth war ja nicht wegen des Essens hier.

Noch machten Sue und Stiefer Konversation: New York vs. London vs. Paris und so weiter. Ein Ende war abzusehen. Den beiden gingen langsam die Städte aus.

Morth steckte sich noch ein Stück klebrige Kartoffel in den Mund, schluckte und atmete noch einmal durch. Dann nahm er sein Messer und schlug damit gegen sein Glas. Sue und Stiefer verstummten und sahen ihn erwartungsfroh an. „Oh, mein Gott,“ dachte Morth, „das ist ja wie bei einem Heiratsantrag.“

„Super, dass ihr beiden heute hier seid,“ fing er etwas steif an. „Ich habe nämlich vor, etwas zu ändern. Wie ihr wisst, war es mein Wunsch, als Maler Anerkennung zu erlangen. Nun, mein Lieber,“ und hier schaute er Stiefer an, „die Anerkennung habe ich mit deiner nicht ganz unerheblichen Mithilfe auch bekommen. Geld auch und eine gewisse Prominenz. Wahnsinn, wie schnell das alles ging!“ Stiefer nickte und stimmte zu: „In der Tat, mein lieber Viktor. Aber was ist daran so schlimm, dass du unbedingt etwas zu ändern glauben musst?“

„Schlimm, schlimm. Ich weiß nicht, ob das das richtige Wort ist. Lass mich erst mal weiter reden!“ Morth nahm einen Schluck. Jetzt war er froh, dass der Wein schwer war und dunkel und direkt in den Kopf ging. „Ich kann inzwischen auf eine Leinwand kotzen und es würde sich verkaufen lassen. Ich könnte Strichmännchen malen, Dreiecke. Ich könnte meinen farbigen Handabdruck verscherbeln. Ihr wisst schon, was ich meine. Ich komme mir vor, wie der alte Midas. Alles, was ich anfasse, wird zu verficktem Gold. Nur kann ich damit nichts mehr anfangen. Das ist der Punkt. Ich möchte zurück zu Wasser und Brot, Currywurst und Pommes. Ich habe es satt, Nuggets zu scheißen und Goldbarren zu essen. Kurz: Ich werde nie wieder ein Bild malen.“ Jetzt war es raus und er blickt gespannt in die Gesichter der beiden, die ihm gegenüber saßen und zugehört hatten.

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