Dissozialität

Er musste. Das war sein Problem.

Zu dem Müssen kam mit der Zeit der Verdacht, dass er nicht konnte. Nur die Gewöhnung ließ ihn weiter machen. Er war nicht mehr als der Schreibtisch, hinter dem er saß. Oberflächlich ordentlich, die Schubladen aber gefüllt mit dem Weggesteckten.

Kann ich das so oder so machen, fragten ihn seine Mitarbeiter, denn er war ihr Chef. Respektvoll traten sie ein und gleich fühlte er sein Büro zu eng werden. Die Wände rückten zusammen, die Decke drückte von oben. Seine Hand suchte die Tasse auf dem Tisch. Er lehnte sich zurück, versuchte zu verstehen, was man von ihm wollte. Es kümmerte ihn nicht.

Rita legte ihm eine Präsentation vor. Auf die ersten paar Sätze konnte er sich noch konzentrieren. Sie stand nervös hinter ihm, schaute über seine Schulter, während er scheinbar aufmerksam ihre Arbeit begutachtete. Er roch ihr Parfum. Die Zeilen und Grafiken verschwommen. Rita war noch jung, nicht sehr lange im Geschäft, deshalb sagte er: Das geht so nicht. Da werden sie noch mal drüber müssen. Rita nahm es äußerlich gelassen und ging. Sie wusste, dass es wenig Sinn hatte, mit ihm zu diskutieren. Seine Ausfälle waren gefürchtet.

Als Rita gegangen war, griff er in sein Sakko und drückte sich eine Tablette aus der Verpackung. Am liebsten hätte er sie alle entlassen. Dann wäre endlich Ruhe. Aber das Geld! Er musste. Also schluckte er.

Seiner Frau hatte er sich schon entledigt. Die Kinder mochten ihn nicht. Kein Wunder. Er mochte sich auch nicht besonders. Endzeitstimmung hatte ihn erfasst. Wenn er ehrlich zu sich war, dauerte dieser Zustand schon an, seit er zwanzig geworden war. Vielleicht auch schon länger. Seit dem lebte er von den Reserven seiner Kindheit, von Gewöhnung und Tabletten.

Bald ist Schluss, echote es in ihm. Er wartete auf die Apokalypse, auf ein Ende ohne jeden Trost. Wozu sich noch anstrengen? Die Mühe war vergebens. Das war immerhin eine Gewissheit, an der er sich fest halten konnte. Und er hielt sich daran fest mit stählernem Griff, wie an einem Baseballschläger.

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