Aber Klaus

Sie hatte ihre Unschuld wie eine Festungsmauer um sich herum gebaut. Es war nichts, was ihr zugefallen, was ihr anerzogen war oder was ihr andere zusprachen. Jeder Stein harte Arbeit, jeder Brocken eine Anklage.

Ich geh dann mal nach draußen, sagt ihr Mann und meint, dass er in den nächsten drei Stunden so etwa sechs Bier trinken wird und eine halbe Schachtel Zigaretten raucht. Oder rauchen sie ihn, fragt sie sich. Wieder eine dieser blödsinnigen Fragen! Sie tauchen in ihrem Hirn auf, seit sie dieses blödsinnige Buch versucht hat zu lesen. Überall Gespenster, überall Macht. Nur sie ist machtlos. Was ihr bleibt ist ihre Unschuld, die sie bewahrt hat wie einen Schatz. Sie sitzt auf der Truhe, verschränkt die Arme und lässt die Füße baumeln.

Natürlich hat sie Sex. Das gehört ja dazu. Wenn er will, hat sie Sex. Dann stöhnt sie seinem Bieratem entgegen und seinem Zigarettenatem. Dann lässt sie seine Zigarettenfinger in sie eindringen. Sie fühlt sich halbwegs gut dabei, weil sie nicht so sein muss. So rücksichtslos, so ungeschickt, so wie er. Sie kommt sogar manchmal. Dann schaut er sie an und sie will Dankbarkeit in seinem trüben Blick erkennen.

Dass sie sich für all das nichts wird kaufen können, weiß sie noch nicht. Allenfalls ahnt sie etwas. Denn diese Fragen … Wer dringt hier in wen ein? Wer hütet den Schatz? Ich den Schatz, er mich, Klaus mich, der Schatz Klaus? Dringt der Schatz in Klaus ein? Es ist zum Verzweifeln. Das Weltall und alles, alles treibt in winzigen, unteilbaren Bröckchen um sie herum. Sie möchte gern etwas zu fassen bekommen. Aber ihr Schatz liegt im Himmel. Dort rostet nichts, aber man kann sich dort auch nichts kaufen, weil eh alles umsonst ist.

Noch aber glaubt sie, dass es dort einen Himmelssupermarkt gibt und einen Himmelsmann, dem sie mit ihrem Ersparten ein Himmelsbier kauft. Fünf Unschuld verlangt der Himmelsverkäufer von ihr und sie legt noch eine oben drauf. Gott vergelts, bedankt sich der Verkäufer freundlich und ihr Mann sagt: Danke! Ohne dich wäre ich echt aufgeschmissen.

Vorerst kommt sie an ihr Vermögen nicht heran. Dafür rostet es nicht. Bier rostet auch nicht, denkt sie, weil sie sich gerade Klaus in der Kneipe vorstellt. Und so schnell, wie er das trinkt, wird es nicht mal schal.

Klaus arbeitet bei einer Zeitung. Er reist viel, um zu recherchieren. Früher fand sie das beeindruckend, heute weiß sie von den Nutten in jeder Stadt und von den dummen Mädchen in jedem Dorf. Sie würde sich das nie antun. Aber Klaus.

Wenn er nach Hause kommt, von einer Reise oder aus der Redaktion, isst er etwas, was sie gekocht hat. Kotelett mag er am liebsten. Kartoffelbrei dazu. Nach dem Essen raucht er eine, ob es sie stört oder nicht. Früher fand sie das männlich. Heute steht sie auf und öffnet wenigstens das Küchenfenster. Sie würde nie rauchen. Aber Klaus.

Dann geht er oft noch raus. Ich geh dann mal nach draußen, sagt er und weg ist er. Ob sie mit kommen will, hat er sie lange nicht mehr gefragt. Woran das liegt, fragt sie sich. Er könnte ja wenigstens mal fragen. Sie würde ihn jedenfalls fragen, wenn sie so spät noch raus ginge. Geht sie nicht.

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