Der kleine Morth (lxvi)

„Das Atelier werde ich auf jeden Fall behalten,“ überlegte er und warf die Säcke in den Container für Recyclingmüll. Ein passenderer stand nicht herum. Altpapier hatte er ja noch weniger zu entsorgen. Ein deutsches Klischee. Fette Konsumwürste stehen vor bunten Tonnen und rätseln, welche ihrer Ausscheidungen, Ausdunstungen, Absonderungen des kapitalistischen Stoffwechsels welcher Farbe zuzuordnen sind. Morth kannte das Vergnügen, etwas wegzuwerfen. Das war fast so schön, wie ein guter Schiss. Und auch in diesem Moment fühlte Morth sich befreit. Er hatte die richtigen Farben in die falsche Tonne geworfen. Die Attacke vom Vormittag war jedenfalls vergessen. Mit leichtem Schritt ging er über den Bürgersteig, seine Lippen zu einem gepfiffenen Lied gespitzt.

Beim Herrenausstatter Bönnigstedt kaufte er sich spontan ein Hemd, das ihm im Schaufenster aufgefallen war. Grün, ohne Kragen, sündhaft teuer. Ihm sollte es recht sein. Zu wenig Geld war nicht sein Problem und alle anderen Probleme, die er zu haben meinte, würde er sich innerhalb von ein paar Stunden vom Hals schaffen. Solange Stiefer mitspielte. Euphorie brach in ihm durch wie Sonnenstrahlen auf barocken Gemälden durch die Wolken brechen. Überirdisch, momenthaft, gegenwärtig.

Um den Augenblick auszukosten machte er einen Umweg zum See im Park. Das Wetter passte auch einigermaßen. Nicht unbedingt kontrastreich barock, aber zumindest regnete es nicht aus den tief hängenden Wolken. Morth wollte sich noch etwas Natur geben. Gänse flogen auf, als er ans Ufer trat. „Ich mag Vögel,“ dachte er. Aber eigentlich arbeitete er in seinem Inneren längst an der Ansprache für diesen Abend. Er wollte, dass jedes Wort saß und Stiefer gar nicht anders konnte, als seinem Ansinnen nachzugeben. Sue würde dabei sein. Das erschien ihm schon als große Hilfe. Sie würde auch überrascht sein. Vielleicht aber auch nicht. Konnte sein, dass sie schon etwas ahnte. Morth wunderte sich, dass seine Wünsche so flatterhaft waren. Aber hatte er wissen können, was aus einem einmal ausgesprochenen Wunsch werden konnte? Er war doch ein anderer gewesen damals. Es kam ihm vor als wäre eine Ewigkeit vergangen.

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