Der kleine Morth (lxv)

Sue erzählte er nichts von seinem Anfall. Sie sollte sich nicht unnötig beunruhigen. Nachher eine kleine Line und es würde schon wieder gehen, dachte er sich. „Ich fahr gleich ins Atelier und mach mich an die Arbeit. Die Amis warten auf ihre Bilder,“ er grinste Sue verschwörerisch zu. „Stiefer will heute Abend mit uns essen gehen. Kommst Du mit? Südamerikanisch.“ Sue nickte.

Bevor er sich aus dem Haus machte, ging er noch ins Netz. Die Massen an eingegangenen Nachrichten löschte er einfach. Dann schrieb er an Gabriele Gabler, dass er sich die Sache mit der Ausstellung anders überlegt habe. Sie solle alles canceln. Er wäre gerade nicht in der Verfassung und es würde ihm Leid tun und so weiter. Klick – wieder ein Problem gelöst. Dann rief er ein Taxi und ließ sich ins Atelier fahren. Sue stieg unterwegs an der Uni aus.

An diesem Tag schaffte er fünf Bilder. Wie im Wahn grundierte er die Leinwände alle gleich in pink und malte anschließend auf den noch feuchten Untergrund symbolische Wunden. Die Amis hatten darauf bestanden von ihm seine bekannten Wundbilder zu bekommen. Sollten sie haben. Längliche, braun-gelbe Formen pinselte er hin. Darüber kleckste er etwas Rot. Nach drei Stunden war alles fertig. Er rieb sich zufrieden die Hände. Morth fand, dass diese fünf Stücke das Beste waren, was er seit Jahren gemalt hatte. Leidenschaftslos, ideenlos, ungekünstelt. Da war er und er wollte niemanden mehr blenden, niemandem etwas vormachen. So sah es in ihm aus. So war der Moment. Mehr konnte man von ihm nicht bekommen.

Er trank eine der noch übrig gebliebenen Flaschen Schampus halb aus und zog sich die Nase voll. Dann machte er sich daran, seinen Arbeitsraum aufzuräumen. „Zum Glück habe ich mal diese riesigen Müllsäcke gekauft,“ dachte er mit tiefer Zufriedenheit. Es war, als alle Farbtuben und –flaschen verschwunden waren, gerade mal drei Uhr und er hatte großen Hunger.

Mit je einem prall gefüllten Müllsack in seinen Händen stürzte er auf die Straße. Ein Passant glotze ihn an. Morth machte „Puhh“ und streckte die Zunge raus. Ihm war danach.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s