Der kleine Morth (lxiii)

Am nächsten Morgen packten sie aus. Sue schmiss die Waschmaschine an. Sie hatte sich ein paar neue Klamotten mitgebracht. Nichts, was man nicht auch in Europa bekommen hätte, aber billiger. Die Sachen stopfte sie zuerst in die Trommel.

Morth hatte für sich nichts eingekauft. Nur ein Mitbringsel für Karla: einen Vibrator in Form der Freiheitsstatue. Fuller hatte abgeraten. Ihm erschien dieses Geschenk als zu billig. „Karla hat doch Stil,“ hatte er mehrmals gesagt. Vorerst fand das Teil seine Platz auf dem Fernseher. Morth schmunzelte.

Er rechnete damit, dass jede Minute das Telefon klingeln und Stiefer dran sein würde. Es war inzwischen halb Zehn. Sue kam mit zwei großen Tassen Milchkaffee aus der Küche. Morths Hände zitterten leicht als er ihr eine ab nahm. „Aufgeregt?“ fragte Sue. „Ja, ein bisschen. Ich muss Stiefer gleich was Wichtiges sagen. Und Dir auch,“ gab Morth bekannt. „Wow, da bin ich ja gespannt,“ meinte Sue. „Aber warum erfährt Stiefer Dein Geheimnis vor mir?“ Morth sah sie verliebt an: „Ich will erst das Unangenehme erledigt haben.“

Vor Stiefer rief Charlotte an und wollte wissen, was aus dem Job werden würde. Sie machte sich hörbar Sorgen. „Alles gut, Mädchen,“ sagte Morth. „Du kannst nächste Woche in die Staaten fliegen und einigen wichtigen Herrschaften persönlich ihre neuen Kunstwerke übergeben. Was hältst Du davon? Das ist die große Chance für Dich. Ich habe schon mit einigen der Herren über Dich gesprochen und sie sind sehr neugierig, wen ich zu ihnen rüber schicke. Also kauf Dir was Schönes zum Anziehen und buch Dir einen Flug. Bis Mittwoch habe ich die Bilder gemalt. Donnerstag kanns also losgehen.“ „Sie haben Bilder verkauft, die noch nicht existieren?“ fragte Charlotte verblüfft. Morth nickte nur und ging nicht weiter darauf ein. „Bis nächste Woche dann. Machs gut!“

„Die bin ich schon mal los,“ dachte er erleichtert, als er aufgelegt hatte. Charlotte würde perfekt in die New Yorker Gesellschaft passen. Sie würden da drüben ihre Jugend und relative Unverdorbenheit wie Nektar aufsaugen, und wenn sie klug genug war, würde sie am Ende davon profitieren können. Vielleicht blieb sie aber auch ihrer deutschen Scholle treu. Dann konnte sie immer noch zu ihrem Job bei Stiefer zurück kehren.

Zufrieden setzte sich Morth an den Tisch zu Sue, die noch immer an ihrem Kaffee nippte. Er wunderte sich über alle Maßen, dass diese junge Frau, die ihm da gegenüber saß, tatsächlich sein Herz erobert hatte. Das Herz, von dem er vor Wochen noch gesagt hätte, dass es ein Organ zum Bluttransport ist. Wie hatte sie das nur fertig gebracht? Es schien ihm als hätte Sue sein ganzes Leben umgestülpt. Oder war es umgekehrt? Hatte sich sein Leben geändert und nun war er frei zu lieben? „Möglich,“ dachte Morth und betrachtete Sue ein wenig misstrauisch.

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