Der kleine Morth (lx)

Tags darauf standen Sue und Morth gegen zwölf Uhr auf und gönnten sich ein ausgiebiges Katerfrühstück. Dabei lachten sie über Marlies, die sich wenige Stunden zuvor beim Versuch den DJ anzubaggern in dessen Plattenkiste übergeben hatte. „Vielleicht sollte ich das alles einmal aufschreiben,“ meinte Morth, als sie sich wieder beruhigt hatten. „So was glaubt einem kein Mensch. Mal lieber weiter Deine Bilder,“ blockte Sue ab. Morth betrachtete sie. Sie sah, so wie sie ihm da gegenüber saß, fertig aber bezaubernd aus. Außer einem alten Trikot aus seiner Kleiderkiste hatte sie nicht am Leib und wenn sein Kopf nicht so gehämmert hätte, hätte er alles versucht, sofort wieder mit ihr im Schlafzimmer zu verschwinden. Sue lächelte ihn zerknittert an. Sie konnte seine Gedanken erraten.

Über der ganzen Szene lag tiefe Harmonie und Morth fragte sich, wozu er irgend etwas anderes brauchte. In diesem Moment wünschte er sich, dass er hier mit Sue lange, lange würde sitzen können.

Es war ihm nicht ergönnt. Fast gleichzeitig läutete das Telefon und die Türklingel. Sue verschwand im Bad. Sehnsüchtig schaute Morth ihr auf den nackten Hintern, nahm noch einen Schluck Kaffee und trottete zur Tür. Derweil schaltete sich der Anrufbeantworter ein.

Till hatte Morth zu einem spontanen Ausflug ins Grüne einladen wollen. Mit Verweis auf seinen Zustand lehnte Morth dankend ab, obwohl es selten genug vor kam, dass Till seinen Arsch hoch bekam und ihn besuchte. Der Freund machte sich enttäuscht davon.

Morth hörte den Anrufbeantworter ab. Eine völlig aufgelöste Gabriele Gabler hatte schon mehrere Nachrichten hinter lassen. Die letzte, gerade aufgesprochene war über deutlich: „So geht das nicht, mein Lieber. Wenn wir etwas bewegen wollen, sollten sie bereit sein, zu arbeiten. Ich brauche dringend die Bilder für die Ausstellung. Zumindest eine Liste mit den Titeln, die Größen und die Preise, die Ihnen vorschweben. Also hop hop! Und übrigens: Stiefer sucht Sie auch schon.“ Click. „Scheiße,“ dachte Morth trocken.

Stiefer klang versöhnlich, aber bestimmt: „Sie müssen heute, spätestens morgen nach New York. Fuller hat da ein paar Leutchen aufgetan. Die würde sogar ich noch gern kennen lernen. Mann, es geht richtig ab mit Ihnen! Wollen wir uns eigentlich langsam mal duzen? Mika! Aber meine Freunde nennen mich Cronos.“ „Viktor,“ sagte Morth. „Also gut, Viktor,“ fuhr Stiefer fort, „anstoßen können wir darauf ein andermal. Der Flieger geht um fünf oder morgen früh um halb neun. Such Dir was aus!“ „Ich fürchte so schnell wird das nichts,“ wich Morth aus. „Die Gabler braucht noch ein paar Bilder von mir für die Ausstellung.“ „Scheiß auf die Gabler.“ Stiefer schrie fast, Morth ließ vor Schreck den Hörer fallen und angelte ihn an der Schnur wieder zu sich herauf. „…wichtiger als sie ist. Was willst Du eigentlich mehr als New York, Vik? Ich darf Dich doch Vik nennen? Also keine Diskussion, brech die Zelte ab, schnapp Deine Lady und auf geht’s! Good luck, Vik.” “O.k.”, sagte Morth. “Wir fliegen morgen früh.”

Sue kam aus der Dusche und war überrascht. Morth saß auf Boden im Flur, er schien zu weinen. Sie setzte sich neben ihn. „Warum weinst Du?,“ flüsterte sie. Morth bemühte sich um ein Lächeln und erklärte es ihr.

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