Als der Winter ging (18)

Mich macht das alles ganz wahnsinnig. Du weißt inzwischen ja, dass es mich wirklich und tatsächlich wahnsinnig gemacht hat. Ich konnte es irgendwann nicht mehr vor mir selbst verbergen und dann ist es wie eine Welle über mir zusammen geschlagen und ich drohte in einem Meer aus Lügen, billigen Ablenkungen und Kühlschrankreklamen ertrunken. Zum Glück hatte ich rechtzeitig schwimmen gelernt. Und so schwomm ich noch einige Zeit mit großem Energieaufwand dahin, zerpflügte das Wasser mit dem Willen eines Dampfers und kämpfte gegen Strömungen, die mich an ein Ufer getrieben hätten. Manchmal fand ich eine hölzerne Blanke. Darauf ruhte ich mich aus, bis sie mir entrissen wurde oder ich sie aus Stolz fort stieß. Trotzdem landete ich irgendwo, wo ich bleiben konnte. Das heißt, wo ich aufstehen konnte und dem Auf und Ab der Wellen entkam. Dieser Ort liegt hier unter meinen Füßen.

Merkwürdig ist, dass ich an diesem Ort immer noch in meiner alten Wohnung lebe. Draußen sehe ich die bekannten Menschen herum laufen und auch mein Postbote ist der gleiche geblieben. Er grüßt mich jetzt wieder. Der bedrohliche Ausdruck muss aus meinem Gesicht gewichen sein. Ich weiß auch nicht warum. Das Böse ist noch da, das Lästige, Dumme und Laute und ich bin auch noch da. Sogar die Wunde ist noch da und sie schmerzt auch. Ja, gerade jetzt schmerzt sie wieder stark, wenn ich Dir von all dem erzähle. Sie wird immer offen bleiben. Dafür ist gesorgt. Aber der Schmerz raubt mir nicht mehr die Sinne. Ich kann bei mir bleiben, treibe mich nicht mehr selbst aus.

Es riecht modrig in meiner Wohnung. Ich sollte lüften. Das ist gesund. Jetzt, wo der Frühling kommen will.

Ein Vogel zwitschert auf dem Baum vor meinem Fenster. Seine kleinen schwarzen Äuglein überprüfen nervös die Welt um seinem Ast herum. Der Baum trägt noch keine Blätter. Der Vogel, der Baum sie haben keinen Weg.

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