Als der Winter ging (16)

Die Illusionen machen sich vor allem die Anderen scheint mir. Ganze Berge von Illusionen werden künstlich erschaffen und Armeen von Kreativen sind damit befasst. Die Tragfähigkeit der verbreiteten Illusionen ist dabei nicht so wichtig, wichtig ist lediglich deren Varianz und Impertinenz. Die Anderen sind ja nur allzu bereit, sich Illusionen hinzugeben. Eine gesellschaftliche Nymphomanie findet da statt, dass es einen erstaunen mag.

Und ich meine nicht nur die Werbung im klassischen Sinn, sondern auch die Politik, den Sport, die Kultur und auch die Kirchen fangen schon damit an. Alles wird herunter gebrochen. Ein wunderbarer Ausdruck. Findest Du nicht auch? Es wird auf den kleinen verstehbaren Nenner herunter gebrochen. Demokratisch könnte man dieses Vorgehen nennen, wenn es tatsächlich so gemeint wäre und den Kern der Dinge halbwegs unberührt ließe. Das Gegenteil ist aber der Fall. Es geht um ein möglichst unentdecktes Verschleiern der tatsächlichen Umstände. Dafür stehen bestimmte, medial erprobte Klischees zur Verfügung, werbliche Rhetorik und Sprachgebilde von erbarmungswürdiger Schlichtheit. Man möchte mit denjenigen, die sie von sich geben, Mitleid haben.

Hast Du auch schon einmal beobachtet, wie Menschen in öffentlichen Diskussionsrunden angegafft werden, sollten sie es versuchen, einen Gedanken, einen schwierigeren vielleicht sogar, über mehr als drei tatsächlich zusammenhängende Sätze hinweg auszuführen? Wie Geisteskranke werden sie angegafft. Man misstraut deren Anstrengung. Als wäre eine Idee schon deshalb als irr abzulehnen, nur weil sich ihr Inhalt nicht sofort und in für jeden zugänglicher Klarheit ausbreitet. Damit glauben sie ihren Maßstab gefunden zu haben und die meisten richten sich danach.

Ich spreche nicht von den endlosen Aufforderungs- und Selbstbestätigungskaskaden in politischen Reden und auch nicht von dem zusammenhangslosen Gestammel in Interviews. Da ist der Länge des Vortrags kein Ende. Ich spreche von logischen Ketten, Begründungen die auch welche sind und die Wörtchen „denn“, „weil“ und „also“ nicht vergewaltigen, sondern zum Aufbau von tragfähigen Gedankengebäuden nutzen.

Im öffentlichen Diskurs können diejenigen, die noch Gewinn von einer Teilnahme erwarten, auf einen Setzkasten aus bekannten Phrasen, öden Ironien und angeblichen, weil zu oft wiedergegebenen, Selbstverständlichkeiten zurück greifen.

Man würde sie sonst auch nicht mehr verstehen, fürchte ich. Der Durchschnittsmensch ist vom Medienkonsum so konditioniert, dass er mehr auf sprachliche Reflexe reagiert, als auf den Inhalt des Gesprochenen. Das kann man prima für eigene Interessen nutzen. Vorausgesetzt man ist gewillt dazu und in der Lage. Das hat etwas von mittelalterlicher Liturgie. Der Gläubige ahnt die Bedeutung und erhofft eine gute Wirkung für sein Leben.

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