Als der Winter ging (14)

Während ich diese Gegenstände anhäufte, bin ich mir fast verloren gegangen. Erst Gott, dann die Welt, dann ich. Warum ich nicht ganz verschwunden bin, kann ich gar nicht sagen. Aber etwas ist noch hier, das weiß ich und Du siehst mich ja auch, wenn Du mich anschaust. Wie komme ich also auf die Idee, ich könnte verschwinden? Man hört nicht auf zu existieren, nur weil man kein Gefühl mehr hat für sich und die anderen. Ich meine, hey, ich fühle nichts mehr, aber deswegen lebe ich doch noch.

Trotzdem muss ich mich immer noch zwingen hier zu bleiben. Ich konzentriere mich auf das, was sich wie klare Gedanken anfühlt, und geht es wieder. Dieser Trick ist neu und ich bin noch sehr stolz darauf, dass ich ihn mir selbst beigebracht habe. Er ist sehr nützlich. Immer dann, wenn ich merke, dass mir mein Innerstes entgleitet, denke ich zum Beispiel an Busfahrpläne, Bleistiftspitzer oder ähnliches. Wichtig ist nur, dass es möglichst wenig mit meinen Gefühlen zu tun hat.
Ich habe mich lange genug von Gefühlen leiten lassen. Das lief so: Ich lebte vor mich hin, trieb von Intuition zu Intuition, von Effekt zu Effekt und beobachtete mich selbst dabei mit strengem Blick. Wie in einem Freilandversuch, verstehst Du! Nur, dass ich eben auch die Innenseite des Versuchskaninchens analysieren konnte. Direkt, ohne Tricks. Wenn ich es recht bedenke, habe ich nur die Innenseite kennen gelernt. Das habe ich noch gar nicht bedacht. Muss ich bei Gelegenheit mal drüber nachdenken!
Na, jedenfalls stand ich mir laufend gegenüber. Die Voraussetzung für die Versuchsanordnung war meine Planlosigkeit. Ich meinte, je weniger ich manipulierend in mein Leben eingriff, desto unverfälschter würden die Ergebnisse sein. Ich ließ mich also gehen. Interessiert und argwöhnisch beobachtete ich meine Schritte, mein Tun und Lassen und zog daraus Schlüsse für die Bewertungen.
Ich küsste meinetwegen eine Frau und dachte dabei nicht an sie oder uns oder den Kuss, sondern überlegte, wie meine Seele wohl beschaffen sein müsste, dass ich gerade diese eine küsste und nicht die andere.

Oder ich ging ungern zum Amt. Da stand ich schwitzend und taumelnd vor dem Sachbearbeiter und mein Urteil war schon gefällt: alltagsuntauglich. Harte Urteile, durch die Bank. Selten, sehr selten sah ich etwas an mir und ich dachte: Gut gemacht, prima! So fremd war ich mir und ich kann mich nicht erinnern, dass es je anders gewesen ist.

Aber heute habe ich meinen Trick. Wenn die Selbstreflexionsspirale sich wieder anfängt zu drehen, denke ich an ein Kochrezept oder das Konzil von Basel. Ich entäußere mich. Das hilft.

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