Als der Winter ging (10)

Über all dem scheint mir eine riesige Angstblase zu schweben. Sie macht die Menschen stumm, vorsichtig und viele werden krank davon. Man muss schon sehr blind sein, wenn man das nicht sieht. Die Hälfte der Gesellschaft krepiert innerlich, während die Anderen sich noch an Konsum und Arbeit fest halten. Trotzdem heißt es immer wieder, den Leuten würde es so gut gehen, wie noch keiner Generation zuvor. Klar, wenn man den Menschen nur aufs Materielle herab würdigt, dann geht’s vielen ganz gut. Zugegeben. Wie steht es aber mit Zuständen wie Gebrauchtwerden, Großzügigkeit, Orientierung oder Ruhe? Was ist mit all den schönen Entwürfen vom Menschen geworden? Aus einem Wesen, das dazu bestimmt schien, nach Erkenntnis zu streben, nach Liebe oder nach Gerechtigkeit, ist ein Monster geworden. Ein stummes Monster, das Vernichtung und Gleichgültigkeit verbreitet und das für den Naturzustand hält. Wofür? Wem dient das? Ich weiß es nicht. Ich kann nur die Folgen betrachten und die sind scheußlich. Das ist das was ich dazu sagen kann und ich hoffe, Du langweilst Dich nicht zu sehr dabei. Alle reden sie zur Zeit davon. Krise des Kapitalismus, Ende der Geschichte, Neoultrapostmoderne. Die rhetorischen Wellen schlagen hoch, die Bedenkenträger tragen schwer.

Soll ich Dir mal etwas Schönes erzählen? Gestern Nacht hatte ich einen Traum. Ich träumte davon oder vielmehr erinnerte ich mich daran, wie ich vor vielen Jahren mit dem Mädchen, das ich damals liebte, am Waldrand lag. Es war im Spätsommer. Wir hatten nichts vor und der Himmel spannte sich weit über uns. Ihre zärtliche Hand fuhr mir durchs Haar und ich ging in all dem auf. Es war ganz einfach. Ich musste nichts dazu tun, nichts planen, nichts sagen. Das ist so in der Jugend, sicher, aber weißt Du, was mich irritiert daran? Ich kann mir einen solchen Zustand heute nicht einmal mehr vor stellen.

Materialistisch bin ich erzogen worden. Meine Eltern waren beide Kommunisten und so war ich als Kind eben ein kleiner Kommunist. Da gab es kein Vertun. Aber in diesem Moment am Waldrand verschwand das alles. Keine Wissenschaft der Welt kann so etwas erklären, kein Produkt kann es ersetzen und wahrscheinlich kann auch die Kunst das nicht darstellen, was ich dabei fühlte.

Und obwohl ich das damals erleben durfte, kann ich nicht wieder dahin zurück. Man könnte sagen, es hat nichts bewirkt. Heute bin ich wieder da, wo alles anfing. Nur dass ich heute noch die zerrende Sehnsucht in mir habe, den bittersüßen Geschmack auf den Lippen. Etwas in mir möchte mit aller Macht dorthin zurück, aber ich habe den Weg vergessen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s