Als der Winter ging (6)

Noch weiter weg liegt die kleine Stadt, die mich nicht mochte und die ich bis heute dafür hasse. Ich hasse sie, weil ich in ihren engen Gassen und der dunklen Gemütlichkeit ihrer Gaststuben nie willkommen war. Dabei habe ich vieles gegeben, um dazu zu gehören. Wahrscheinlich gebe ich heute noch und erhalte dafür nichts von den Menschen der Stadt. Die kommen schon mit dunklen, gemütlichen Gesichtern und viel Talent für Gleichgültigkeit auf die Welt. Was sollte ich ihnen geben? Und was erwarte ich von ihnen? Heute erwarte ich nur, dass sie so bleiben, wie sie sind. Sie mögen verharren, denn mit diesem Verharren kenne ich mich aus. Ich kann es abwägen und einschätzen. So wie ein Tompteur das Verhalten eines Raubtiers einzuschätzen weiß, kenne ich die Reflexe der Menschen in der kleinen Stadt.

Damals hatte ich etwas anderes erwartet. Ich wünschte mir, dass man mich mochte. Das war natürlich illusorisch. Die Leute in der kleinen Stadt mögen nur das, was sie kennen. Und ich sage ganz bewusst „was“ sie kennen. Denn es geht nie um den Menschen. Der ist immer einzeln, besonders und ein wenig verrückt. Nein, es geht ihnen um die Merkmale, die Einstellungen und das Vermögen. Das wichtigste Vermögen neben dem Geld ist das Vermögen so zu tun, als wäre man selbst ganz normal, als hätte man keine Eigenschaften, zumindest keine besonderen.

Sie müssen aber nicht nur so tun, als wären sie selbst normal. Sie müssen auch so tun, als wäre die Welt normal. Ich meine die Welt so wie sie geworden ist.

Natürlich ahnt man mittlerweile, dass dem nicht so ist. Nichts ist normal. Welche Maßstäbe wären auch übrig, um das festzustellen? Darum geht es aber auch gar nicht. Es geht eben nicht um die Wahrheit, sondern um den reibungslosen Fortgang des Lebens: Auto muss zum TÜV, Sohn muss zur UNI, Tochter muss zum 1.FC. Das sind die Eigenschaften, die zählen und von denen erzählt wird in der keinen Stadt. Das, was zählt, davon erzählen sich die Leute: Der hat Krebs, die hat ein Tor geschossen, der hat jetzt nen Benz. Das, was zählt, hat man. Man kann es zählen: eine Metastase, zwei, drei. Und man kann problemlos erzählen davon. Ein ewiges Gewisper durchdringt die kleine Stadt. Es ist immer da das Gewisper und es erzählt von dem, was zählt. Die Leute erzählen sich eine Geschichte, die meist die Geschichte anderer Leute ist und spinnen sich damit ihre eigene. So ist das und so wird das immer sein.

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2 Gedanken zu “Als der Winter ging (6)

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