Als der Winter ging (5)

Lange ging das nicht gut so.

In meiner zerrissenen Manteltasche habe ich einen zusammen geknüllten Zeitungsausriss gefunden. Von der Unterschwelligkeit des Lebens ist da die Rede. Ich schätze mal, dass ich diesen Begriff damals angebracht fand. Dabei hätte Überschwelligkeit genauso gepasst. Ich denke heute, dass ich zwischen beidem gependelt bin. Auch ich war sozusagen ein Pendler, obwohl mir nie jemand eine Entfernungspauschale gezahlt hat. Dabei war ich doch wirklich entfernt genug von allem.

Ich bewegte mich nur nicht auf dem, was als Weg anerkannt wird. Weg zur Arbeit, Weg zur Erleuchtung, Weg zum Bäcker. Trotzdem ging ich meine Runden mit der gleichen Ernsthaftigkeit, mit der andere zu einer wichtigen Sitzung gehen und das täglich. Die Anstrengung und Konzentration, die für mein Leben nötig waren, hätten gereicht, um Berge zu versetzen. Bei mir reichte es nur, den einen Fuß vor den anderen zu setzen, die Lippen mit einem Schluck Wein zu befeuchten, einen Happen zu essen. Diese Dinge kosteten alle meine Kraft.

Was war zuerst da? Diese Kraftlosigkeit oder die Angst? Haben andere Menschen, die Fertigbringer, die Durchsteher, haben die keine Angst oder nur nicht so viel? Die sind mir so fremd geworden. Ich weiß nichts mehr über sie. Dabei stamme ich doch aus einer Familie von Fertigbringern und Durchstehern. Das ist alles so weit weg und die Distanz, die zwischen ihnen und mir liegt, ist der Weg, den ich zurückgelegt habe. Denn klar bin ich einen Weg gegangen. Ich habe ihn nur nicht gesehen.

Wenn man nun die Strecke nimmt inklusiv aller Kurven, Schleifen, Rückgänge und all den Umwegen und man spannt sie zu einer Geraden und man legt diese zwischen dich und mich, dann hat man den Abstand zwischen uns, zeitlich, räumlich, alles. Eins ist klar dabei. Ich kann diese Strecke nicht noch einmal gehen.

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