Als der Winter ging (1)

Ich musste weiter machen. Die Ideen waren zwar verschwunden und ich war nicht sicher, ob ich je Ideen gehabt hatte, aber da war nun dieser von mir gewählte Weg und der wollte beschritten werden.

Der Weg ist so etwas wie das Leitbild meines Lebens soweit. „Du musst Dir Ziele setzen,“ hatte mein Vater immer gesagt und: „Geh nur immer Deinen Weg.“

Ich aber kannte lange Zeit weder Ziele noch Wege. Zumindest konnte ich in diesem ungeraden Herumgestolper nichts erkennen, was einem Weg im Entferntesten ähnelte. Ein Weg ist schließlich etwas, was zwei Punkte auf möglichst direkte oder zumindest auf eine Art verbindet, die es dem Fußgänger oder Fahrer erlaubt, schnell, sicher und bequem zu seinem Ziel zu gelangen.

Mein Weg, der natürlich auch ein Weg war, wie ich heute weiß, mein Weg war weder schnell noch sicher noch bequem, obwohl mir letzteres immer wieder vor gehalten wurde. Das war der Part meiner Mutter gewesen, bis ihr genug Leute, die ich nicht kannte, gesagt hatten: „Der Junge macht es sich aber nicht gerade einfach.“ Später fragte sie mich, warum ich mich mit allem so herum quälte. Ich hatte ihr geantwortet, dass ich gar nicht wüsste, was sie damit sagen wollte. Gedacht hatte ich: „Das solltest Du Dich vielleicht selber fragen.“ Aber gesagt hatte ich das andere. Meine Mutter und ich hatten genügend Schlachten hinter uns. Es war genug Blut geflossen. Wozu sich immer und immer nur streiten?

Um auf den Weg zurück zu kommen. Der unbestreitbare Vorteil eines ungeraden Wegs ist, dass man vieles und viele kennen lernt. Wobei der Ausdruck kennen lernen vielleicht nicht ganz zutrifft, denn um über Umwege ähnlich schnell voran zu kommen wie die anderen auf dem Trampelpfad, muss man sich sputen. Folglich hat der Lebenswanderer weniger Zeit, alle Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Im Höchstfall bleibt man kurz stehen und manchmal kommt jemand ein Stück des Wegs mit. Dann hat man etwas mehr Zeit für einander.

Dadurch dass ich lange Jahre nur Eindrücke gesammelt hatte und weil ich sie nicht verarbeiten konnte, wuchs in mir der generelle Eindruck der Unwirklichkeit, beziehungsweise der der Beziehungslosigkeit zwischen allem. Die Farben leuchteten erst nicht mehr so stark, dann verblassten sie zunehmend. Schließlich wurden auch die Konturen des Schwarz-Weiß, das noch eine Zeit lang geblieben war, undeutlich. Die Einzelteile der Welt wurden ununterscheidbar. Alles grau. Aus mir, einem Menschen, der am Beginn des Wegs skalpellhaft trennen konnte, haarfeine Kategorien erfand, winzige Schubladen an- und belegte, war ein nahezu Blinder geworden, die Werkzeuge noch in der Hand haltend. Lange lief ich so weiter, obwohl ich längst wusste, dass es so nicht ging.

Bis vor ungefähr einem Jahr konnte ich mich noch um das Nötigste kümmern: Essen, Trinken, Bumsen. Als ich auch im Supermarkt Schwierigkeiten hatte, Müsli von Fischstäbchen, Sekt von Waschmittel zu unterscheiden, bekam ich Angst. Und dafür fehlte mir die Schublade. Das merkte ich schnell. Ich konnte sie nicht weg packen, wie alles andere bisher.

Es war Winter geworden, aber ich nahm es kaum wahr. Hatten wir nicht gestern noch am Strand gelegen? Oder war das vor drei Jahren am Mittelmeer? Ich nahm mir vor, mir ein Tagebuch zu besorgen. Im nächsten Moment hatte ich das wieder vergessen. Mit einer Tafel Schokolade darin schob ich den Einkaufswagen hinaus auf den Parkplatz. Ein Schneegestöber ließ mich frösteln. Das funktionierte noch.

Weiter vorne, hinter dem Gitterzaun räumte ein Fahrzeug der Stadtreinigung die zugewehte Straße. Ich wünschte mir, ich säße im Cockpit und würde den anderen den Weg frei räumen.

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