Xaver

Xaver führte Buch. Er tat das, damit hinterher niemand sagen konnte, er, Xaver, hätte es nicht gewusst. Denn Xaver war sich sicher, dass er eine außerordentliche Begabung hatte. Er sammelte Ahnungen. Das Wort Prophezeiung schien ihm dafür zu hoch gestochen, obwohl es die Sache auch ganz gut getroffen hätte. Nur als Prophet wollte er sich gar nicht sehen. Das war etwas aus der Bibel oder für Verrückte.

Alles hatte damit angefangen, dass Xaver auf Schritt und Tritt Deja-Vus verfolgten. Ja, verfolgten. Xaver hatte um seine metaphysische Sensibilität nicht gebeten. Es hatte einfach so angefangen.
Am liebsten wäre er ganz normal gewesen. So wie sein Nachbar der Turmbirchler Johannes. Kopfschüttelnd hatte der sich Xavers Ausführungen angehört, als er sich einmal hatte aussprechen müssen. Einen Enzian hatten sie getrunken und dann hatte er einfach angefangen zu erzählen. Wie er den Autounfall direkt vorm Haus vorher gesehen hatte und den Gewinn im Preisausschreiben vom Turmbirchler. Auf die Azoren ist er geflogen, allein, obwohl er für zwei gewonnen hatte. Der Turmbirchler war ein Einzelgänger. Xaver hätte auch gar keine Lust gehabt, mit zu kommen. Er mochte nicht verreisen und schon gar nicht mit dem Johannes. Der war gut genug dafür, mal einen mit ihm zu trinken und über Fußball zu reden. Wenn WM war im Fernsehen, dann guckten sie zusammen die deutschen Spiele. Ansonsten ließen sie sich in Ruhe.

Den Kopf jedenfalls hatte der nur geschüttelt. Am Ende des Abends war der Couchtisch mit silbrigen Schuppen bedeckt. So sehr hatte der Turmbirchler mit dem Kopf geschüttelt. Und die Flasche mit dem Enzian war leer.

Seitdem führte Xaver sein Buch. Ihm fiel niemand ein, mit dem er über seine Visionen hätte reden können, und los werden musste er sie trotzdem irgendwie.
Nur noch zehn Seiten waren leer. Es war eine ganze Menge, die er vorher sah. Manchmal war ihm nicht ganz klar, ob er einfach nur Schmarrn träumte oder ob das wieder so eine Ahnung war, die er ernst nehmen musste. Die unklaren Ahnungen schrieb er in Klammern auf. Meistens war er sich aber bombensicher, dass er die Zukunft kannte, bruchstückhaft, aber sicher. Zum Beispiel wusste er, dass irgendwann Reichtum auf Geborgenheit gründen würde. Er selbst hatte so wenig mit Geborgenheit zu tun, dass allein die Tatsache, dass ihm dieses Wort in den Sinn gekommen war, schon als Beweis für die Richtigkeit seiner Annahme diente. Er musste nur noch warten, bis es so kam. Dann konnte er ein Häkchen hinter die entsprechende Notiz machen. Fünfzehn Häkchen hatte er schon.

Dummerweise wusste Xaver nicht, wann seine Ahnungen Wirklichkeit werden würden. Nicht einmal, ob er dieses oder jenes erleben würde, wusste er. Das quälte ihn. Zu gern hätte er gemahnt, gewarnt, empfohlen. So hätte seine Gabe wenigstens irgendeinen Sinn gehabt. Aber es half nichts. Das, was ihm blieb, war sein Buch und die Gewissheit, dass die Zukunft ihm Recht geben würde.

Und so saß er oft lange auf seinem Sofa und harrte der Dinge, die kommen mussten. Dabei starrte er auf die Tapete mit dem zarten Gräsermuster, bis er einschlummerte und tagträumte, um dann wieder ein absurd kleines Stückchen vorher zu sehen. In diesen dämmrigen Stunden wurde ihm die Zukunft zur Erinnerung und seine eigene Vergangenheit verblasste, bis er Gestern und Morgen kaum mehr unterscheiden konnte. Bald würde er sich in dem eiligen Fluss der Zeit aufgelöst haben. Das stand mal fest.

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